Gestiegene Verbraucherpreise

Inflation: Warum sich der Abwärtstrend bei der Teuerung nicht fortsetzt

Immer mehr Menschen müssen ihre Ausgaben genau planen und ihre Kosten im Blick haben.

Immer mehr Menschen müssen ihre Ausgaben genau planen und ihre Kosten im Blick haben.

Hannover. Der Abwärtstrend bei der Teuerung hat sich nicht fortgesetzt. Die Verbraucherpreise stiegen im Februar um 5,1 Prozent im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres. Das teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag auf Grundlage einer ersten Schätzung mit. Nach einer jährlichen Teuerungsrate von 5,3 Prozent im Dezember und 4,9 Prozent im Januar hatten Zentralbanker und Ökonomen gehofft, die Inflation könnte weiter sinken. Das Gegenteil ist nun der Fall.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Damit ist eine Inflationsrate von unter 4 Prozent für das Gesamtjahr 2022 eigentlich unrealistisch geworden“, sagt Achim Truger, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Je nach dem, wie die Gaspreise an die Verbraucher durchgereicht werden und der Gaspreis sich krisenbedingt entwickelt, können es auch über 5 oder sogar über 6 Prozent werden.“ Die 6 Prozent sieht der Wirtschaftsweise aber nur, wenn es zu einem Lieferstopp von russischem Gas oder einem Embargo kommen sollte.

Seit Januar dieses Jahres haben die Preise insgesamt um 0,9 Prozent angezogen. Vor allem steigende Energiepreise trieben die Inflationsrate in die Höhe. Dabei schlägt sich der Krieg gegen die Ukraine in den Februarzahlen noch gar nicht voll nieder. Der Angriff Russlands auf das Nachbarland hatte an den Rohstoffmärkten für Preissprünge bei Rohöl und Erdgas gesorgt, die aber erst mit Verzögerung zu höheren Verbraucherpreisen führen werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Auf eine Zahl, wie hoch die monatliche Teuerung hierzulande in der Spitze noch steigen könnte, will sich die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer nicht festlegen. Aber: „Wir werden in diesem Jahr eine Inflation erleben, die höher ausfällt als 2021. Das war noch am Ende des letzten Jahres so nicht abzusehen“, betont die Wirtschaftsprofessorin der Ludwig-Maximilians-Universität München im Gespräch mit dem RND.

Schwacher Trost: Bisher fiel die Inflation in Europa niedriger aus als in den USA, wo zuletzt bis zu 7 Prozent erreicht wurden. Dieser Unterschied könnte sich allerdings verringern, wenn die Gaspreise in Europa stärker ansteigen als in den USA.

Andere Preistreiber stehen jetzt schon fest. „Das Problem der Lieferengpässe entspannt sich zwar, ist aber noch nicht ausgestanden, und wir sehen bereits eine Knappheit von Arbeitskräften in einigen Bereichen“, zählt Schnitzer auf. Das wirke „lohn- und preistreibend“. Nach einer Jahresteuerung von 3,1 Prozent im vergangenen Jahr erwartet auch Schnitzer deshalb für 2022 eine Steigerung: „Da sind wir schnell bei 4 Prozent, es kann aber auch noch höher werden. Eine Fünf oder Sechs vor dem Komma kann man aktuell nicht ausschließen.“

Druck auf die Gewerkschaften steigt

Vor allem zwei Unwägbarkeiten sieht die Professorin: Neben dem Verlauf des Kriegs in der Ukraine verweist sie auf bevorstehende Tarifverhandlungen. Dort steigt der Druck auf die Gewerkschaften. Im vergangenen Jahr sind die Verdienste der Beschäftigten nur noch um 1,3 Prozent gestiegen. Das sei der niedrigste Wert seit Einführung der Auswertung im Jahr 2010, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Damit wurde der Anstieg der Verbraucherpreise von durchschnittlich 3,1 Prozent im vergangenen Jahr nicht mal annähernd ausgeglichen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Vermutlich wird von der Arbeitnehmerseite jetzt mindestens ein Inflationsausgleich gefordert. Für Schnitzer ist das zu hoch: „Tarifabschlüsse unter der Inflationsrate halte ich für vernünftig.“ Die Preissteigerungen, die der Ukraine-Krieg vor allem im Energiebereich womöglich noch mit sich bringt, ließen sich ohnehin nicht ganz auffangen. „Ein kompletter Ausgleich geht einfach nicht.“ Eins müsse allen klar sein: „Der Krieg in der Ukraine macht uns ärmer“, sagt Schnitzer. „Wir werden alle davon betroffen sein.“ Höhere Löhne zögen aber auch noch höhere Preise nach sich.

Truger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Duisburg-Essen, sieht das entspannter. „Dass es zu dauerhaft überhöhter Inflation wegen einer Lohnpreisspirale kommt, halte ich weiterhin für unwahrscheinlich, das zeichnet sich bislang nicht ab.“ Er erwartet sogar ein Abflauen der Preise noch in diesem Jahr. „Für die zweite Jahreshälfte und für 2023 besteht weiterhin Hoffnung auf sinkende Inflationsraten, weil dann die Wirkungen der Energiepreisschocks auslaufen dürften.“

„Wir werden noch für einige Zeit mit höheren Preisen leben müssen“, glaubt indes Schnitzer. Da sei das bereits beschlossene Maßnahmenpaket der Bundesregierung „eine sehr gute Lösung“, um finanziell schwächeren Menschen unter die Arme zu greifen. Das sieht auch Truger so. „Die Bundesregierung hat mit dem Paket von zehn Entlastungsmaßnahmen bereits einiges getan, um die Auswirkungen der hohen Inflation für die Menschen zu dämpfen.“

Sollte die Inflation aber noch mehr steigen, hält Truger weitergehende Schritte für erforderlich. Das sei wichtig auch mit Blick auf die Tarifgespräche: „Wenn die Einkommen der privaten Haushalte dadurch gestützt würden, würde das auch die Lohnverhandlungen entlasten und damit auch Druck von der Europäischen Zentralbank nehmen, die Geldpolitik früher als geplant zu straffen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

EZB will am 10. März über Zinspolitik beraten

Die EZB will am 10. März über ihre Zinspolitik beraten. Das wird nicht einfach. „Die EZB muss zudem die mögliche konjunkturelle Eintrübung und die Risiken der Sanktionen gegen die russische Zentralbank und das Bankensystem auf die Finanzmärkte berücksichtigen“, gibt Truger zu bedenken.

Unterdessen verteuern sich Benzin und Diesel als Folge der steigenden Ölpreise. Am Montag wurden in Deutschland wie schon am Vortag historische Höchststände erreicht. Für einen Liter Super E10 mussten Autofahrer im Tagesdurchschnitt 1,816 Euro bezahlen, wie der Automobilclub ADAC am Dienstag berichtete. Ein Liter Diesel kostete im Schnitt 1,737 Euro. Seit Beginn des russischen Angriffs am Donnerstag sind es 6 bis 7 Cent mehr.

Mehr aus Wirtschaft

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen