Autokäuferinnen und -käufer sind frustriert

Preise für Gebrauchtwagen gehen durch die Decke

Voller Hof in einem Autohaus für Gebrauchtwagen in Stuttgart. Dreijährige Gebrauchtwagen sind binnen eines Jahres um fast ein Drittel teurer geworden.

Voller Hof in einem Autohaus für Gebrauchtwagen in Stuttgart. Dreijährige Gebrauchtwagen sind binnen eines Jahres um fast ein Drittel teurer geworden.

Berlin. Wer es gerade eilig hat, ein Auto zu kaufen, braucht starke Nerven. Und viel Geld. Denn selbst wer derzeit wegen der bekannten Lieferkettenprobleme und dadurch bedingter Produktionsengpässe auf den Gebrauchtwagenmarkt ausweicht, reibt sich verwundert die Augen: schmales Angebot, fast schon unverschämte Preise. Menschen in Ostdeutschland wird das an die Situation in der DDR erinnern: Gebrauchtwagen jüngeren Datums sind teurer als Neuwagen.

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Eine Auswertung der Deutschen Automobil Treuhand GmbH (DAT) dokumentiert es jetzt schwarz auf weiß: Im April war ein typischer drei Jahre alter Benziner beim Kauf im Autohandel 30,1 Prozent teurer als ein vergleichbares Fahrzeug ein Jahr zuvor. Im Durchschnitt wurden für das Fahrzeug 27.900 Euro fällig. Diesel verteuerten sich sogar um 31,8 Prozent auf im Schnitt 28.960 Euro.

Lange Lieferfristen von sechs bis 18 Monaten

„Die große Nachfrage und das knappe Angebot an Fahrzeugen führt seit Längerem zu hohen Preisen auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Die Corona-Pandemie hat den Wunsch nach mehr individueller Mobilität gefördert. Außerdem führen die langen Lieferfristen von sechs bis 18 Monaten bei Neuwagen dazu, dass Bestandsfahrzeuge länger behalten werden. Es kommen also kaum junge Gebrauchtfahrzeuge, etwa aus Leasingverträgen, zurück“, begründet Stefan Meyer, PR-Referent Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK).

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Von den hohen Verkaufspreisen profitieren derzeit zum Beispiel auch Autovermieter wie Avis, Hertz und Enterprise, Sixt erzielte jüngst den höchsten Vorsteuergewinn seiner Geschichte. Die Unternehmen profitieren einerseits von den hohen Wiederverkaufserlösen ihrer permanent verjüngten Flotte, andererseits vom dem Preisanstieg für Mietautos und einer besseren Auslastung des Fahrzeugbestands, selbst wenn sich Kundinnen und Kunden immer wieder über zu knappe Angebote beschweren.

Mitarbeiter von Volkswagen in der gläsernen Manufaktur in Wolfsburg. Der Mangel an Halbleitern hat bereits in der Autoindustrie zu Produktionsausfällen geführt.

Mitarbeiter von Volkswagen in der gläsernen Manufaktur in Wolfsburg. Der Mangel an Halbleitern hat bereits in der Autoindustrie zu Produktionsausfällen geführt.

„Es ist zwar schön, wenn Betriebe gute Preise für Gebrauchtwagen erzielen können, wenn aber keine Fahrzeuge verfügbar sind, lässt sich kein Geschäft machen“, beschreibt Meyer vom ZDK die Situation vieler Autohändlerinnen und -händler in Deutschland. Beispielsweise habe sich das Angebot an gebrauchten Audi A6 binnen Jahresfrist um rund 21 Prozent verkleinert, die Preise kletterten derweil um 24,5 Prozent auf durchschnittlich mehr als 36.000 Euro. Sogar um 34 Prozent ging das Angebot an gebrauchten Audi A4 zurück. Um satte 38 Prozent kletterte innerhalb eines Jahres der Durchschnittspreis, den Verkäuferinnen und Verkäufer für einen gebrauchten VW Polo (Benzinmotor) aufriefen. War der Kleinwagen 2021 noch für durchschnittlich 10.105 Euro inseriert, sind es aktuell schon 13.941 Euro.

Für Prof. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor der CAR-Center Automotive Research in Duisburg, wird keine schnelle Entspannung eintreten. „Bei Neuwagen sind bei Elektroautos etwa die Lieferzeiten nochmals gestiegen. Zeitgleich haben sich die Preise für direkt verfügbare Autos, also auch junge Gebrauchte, erhöht. Derzeit korrespondieren Lieferzeiten für Neuwagen und Preise für bis zu drei Jahre alte Gebrauchtwagen direkt miteinander. Also immer dann, wenn die Neuwagenlieferzeiten länger werden, steigen die Preise für junge Gebrauchte mit“, äußert er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Das führt zu einem Phänomen, das bisher nicht beobachtbar war: Tageszulassungen werden zu Preisen angeboten werden, die über dem Listenpreis für Neuwagen liegen können.“

Eine kleine Beruhigung frühestens im Herbst

Die deutliche Preissteigerung bei Gebrauchten betrifft laut DAT nicht nur die dreijährigen Fahrzeuge. „Wenn das Angebot knapp ist und die Nachfrage hoch, sind auch ältere Fahrzeuge sehr gefragt“, sagte ein Sprecher. Zudem würden auch ältere Fahrzeuge mit höheren Laufleistungen beim Preis nicht mehr so „abgestraft“ wie früher. Dabei falle auf, dass gerade die Käuferinnen und Käufer gebrauchter Diesel bereit seien, deutlich mehr zu bezahlen.

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Frühestens im Herbst rechnet Dudenhöffer mit einer kleinen Beruhigung, „dann wird sich der Neuwagenmarkt etwas stabilisieren – vorausgesetzt, es kommt nicht zu neuen Lockdowns in China oder ähnlichen Ereignissen.“ Sein Ausblick: „2024 werden die Gebrauchtwagenpreise wieder dort sein, wo sie früher waren – niedrig.“

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