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Energie sparen statt frieren

Strom aus der Kläranlage, Warmwasser aus dem Supermarkt: Warum wir zu wenig über Effizienz reden

Wärmepumpen sind in privaten Neubauten der Heizungsstandard – und sparen im Vergleich zu Öl- oder Gasheizungen eine Menge Energie ein.

Sonderborg. „Wir stehen mitten in der ersten globalen Energiekrise der Geschichte und sie wird nicht so schnell vorbei sein. Und falls der kommende Winter lang und hart wird, mache ich mir große Sorgen um die Energieversorgung.“

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Gleich mit dem ersten Satz seiner Rede hat Fatih Birol ein Ausrufe­zeichen gesetzt. Der Mann muss es wissen, schließlich ist er Chef der Welt-Energie-Agentur IEA, die in dieser Woche im dänischen Sonderborg ihren siebten Kongress zum Thema Energieeffizienz ausgerichtet hat.

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Birols Warnung war eindringlich – aber er machte auch Mut: „Ich bin zugleich optimistisch, dass dies auch ein Wendepunkt in der Energiepolitik ist“, sagte er. So wie die Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre, die zu einem massiven Umdenken geführt habe. Laut Birol lag der Durchschnitts­verbrauch eines Autos vor der Krise bei 18 Litern je 100 Kilometer. Eine Dekade später sei der Verbrauch auf unter zehn Liter gesunken.

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Experten sind sich einig: Wenn die Industrie­nationen raus wollen aus teurer, klimaschädlicher und geopolitisch umstrittener fossiler Energie, müssen sie als Erstes ihren Verbrauch in den Griff bekommen. Denn trotz massiver Anstrengungen beim Ausbau der Erneuerbaren wird in der nächsten Dekade keinesfalls genügend Ökoenergie zur Verfügung stehen. Bei Weitem nicht. Für die Übergangszeit gibt es nur einen gangbaren Weg: Die Steigerung der Effizienz bei der Energienutzung und die Vermeidung von Verschwendung.

Das Potenzial ist gewaltig. Die IEA hat eine ganze Reihe von Vorschlägen aufgelistet und ausgerechnet, was jeder einzelne bringen würde.

  • Eine Senkung der Raumtemperatur in Europa um zwei Grad würde so viel Energie sparen, wie durch die Gaspipeline Nord Stream 1 nach Europa strömt.
  • Würden in den Industriestaaten die jeweiligen Tempolimits um zehn Stunden­kilometer gesenkt, würde das täglich 0,5 Millionen Barrel Öl einsparen. Exakt die Menge, die die OPEC jetzt versprochen hat, zusätzlich zu fördern.
  • Würden alle Länder einfach nur alle vorhandenen Technologien und Bestimmungen nach dem Motto best practice optimal anwenden, könnte binnen sieben Jahren der gesamte Energie­verbrauch Chinas eingespart werden.

Am Rande der Konferenz im dänischen Sønderborg demonstrierten die Gastgeber, was mit klugen Konzepten und politischem Willen schon heute möglich ist.

  • In einem nahe gelegenen Supermarkt der Kette „#Super-Brugsen hatte der Technologie­konzern Danfoss eine Pilotanlage installiert, die die Abwärme der großen Kühltruhen und ‑theken in Warmwasser umwandelt. Allein damit deckt der Supermarkt 78 Prozent seines gesamten Heiz- und Warm­wasser­bedarfs. Und im Sommer, wenn keine Heizung benötigt wird, speist der Händler das Warmwasser in das örtliche Fernwärmenetz ein und kassiert dafür zusätzlich noch eine Einspeisevergütung. Die Investition von rund 20.000 Euro hatte sich nach rund zwei Jahren vollständig amortisiert
  • Ein paar Ecken weiter waren an einer Baustelle ausschließlich elektrisch betriebene Maschinen im Einsatz: Bagger, Radlader, Betonmischer. Was als Erstes auffiel, war die himmlische Stille. Viel wichtiger aber: Durch den Einsatz von Elektro- statt Dieselmotoren werden rund 75 Prozent Energie eingespart. Und das ohne Einbußen bei der praktischen Handhabung: Alle Maschinen leisten das Gleiche wie ihre Dieselpendants und sind nach der Aufladung in der Nacht am nächsten Tag bereit für eine volle Schicht. Nahezu alle großen Hersteller wie Caterpillar, Volvo oder Wacker Neuson haben Maschinen geschickt, die zeigen: Die Technologie ist vorhanden und einsatzreif.
  • Selbst eine Kläranlage kann einen Beitrag zur Ressourcen­schonung leisten. Nach Berechnung der IEA verbraucht die weltweite Wasser- und Abwasser­behandlung unfassbare 1400 Tera­watt­stunden an Energie. Das entspricht dem gesamten Energieverbrauch Australiens. Nicht so in der Marselisberg-Anlage im dänischen Aarhus, wo durch den Einsatz elektronisch geregelter Pumpen der Energie­verbrauch massiv gesenkt werden konnte. Außerdem werden die Abfälle des Klärprozesses in einer Biogasanlage vergoren und zur Stromproduktion eingesetzt. Resultat: Seit 2016 produziert die Anlage mehr Strom, als sie aus dem Netz bezieht.

Klar ist auch: Das alles flächendeckend einzuführen und umzusetzen wird teuer. Doch es lohnt sich. „Wir haben ausgerechnet, dass wir in den nächsten Jahren 56 Milliarden Euro aufwenden müssen, um die wichtigsten Maßnahmen umzusetzen“, sagte EU‑Energie­kommissarin Kadri Simon dem RND. „Demgegenüber stehen aber 300 Milliarden Euro, die die EU jährlich für Energieimporte ausgibt.“

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Mit anderen Worten: Investitionen in Energie­effizienz zahlen sich aus, für die EU wie für den Supermarkt­betreiber. Dazu existieren alle nötigen Technologien und sind marktreif. „Low hanging fruits“, nennt sie Fatih Birol. Sie müssen nur gepflückt werden.

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