Stromdiscountern wird die Billigmasche zum Verhängnis

Ein Stromdiscounter hat am Dienstag die Lieferung eingestellt, Kundinnen und Kunden bekommen die Energie nun automatisch vom örtlichen Ersatzversorger.

Ein Stromdiscounter hat am Dienstag die Lieferung eingestellt, Kundinnen und Kunden bekommen die Energie nun automatisch vom örtlichen Ersatzversorger.

Hannover. Die drastisch gestiegenen Preise an der Strombörse bringen immer mehr Billiganbieter ins Schlingern. Am Mittwoch musste mit Stromio einer der großen Stromdiscounter die Segel streichen: Das Unternehmen mit Sitz im nordrhein-westfälischen Kaarst hat die Lieferung eingestellt, Kundinnen und Kunden bekommen die Energie nun automatisch vom örtlichen Ersatzversorger.

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„Wichtig bleibt festzuhalten: Die Versorgungssicherheit ist derzeit voll gegeben“, sagt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), wo zum Beispiel die Stadtwerke organisiert sind.

Kunden erhalten Endabrechnung

Nach Schätzungen aus Branchenkreisen beliefert das Unternehmen unter den Marken Stromio und Grünwelt Energie an bundesweit mehrere Hunderttausend Kunden. Die haben vom Ausfall ihres Lieferanten erst mit einigen Stunden Verspätung auf dessen Webseite erfahren, das Callcenter war überlastet.

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Persönliche Benachrichtigungen kämen „trotz unserem größten Bemühen aus technischen Gründen möglicherweise erst nach dem Ende der Strombelieferung“ an, heißt es dort. Die Kundinnen und Kunden bekämen nun eine Endabrechnung, Guthaben würden ausgezahlt.

Die Beschaffungspreise für Stromlieferungen im kommenden Winter seien um 400 Prozent gestiegen, erklärt Stromio. Man sehe sich „zu unserem ausdrücklichen Bedauern gezwungen, alle Stromlieferverträge mit Ablauf des 21.12.2021 zu beenden“.

Jüngster Preisanstieg wird zum Verhängnis

Den Discountern wird jetzt ihr bisheriges Erfolgsgeheimnis zum Verhängnis: Während große Versorger Strom langfristig einkaufen und sich gegen Preisschwankungen absichern, nutzen Billiganbieter Gelegenheiten an der Strombörse, dem sogenannten Spotmarkt, und kaufen kurzfristig ein.

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Lange Zeit konnten sie sich so günstig eindecken und mit Kampfpreisen die vorderen Plätze in den Vergleichsportalen belegen. Doch nach dem jüngsten Preisanstieg schlägt das Pendel in die andere Richtung. „Strom ist am Spotmarkt extrem teuer geworden“, sagt Volker Gustedt, Sprecher des Netzbetreibers 50hertz. „Das treibt Anbieter in wirtschaftliche Schwierigkeiten.“ Denn unter den aktuellen Bedingungen sind die versprochenen Discountpreise ein verlustträchtiges Geschäft.

Stromio ist zahlungsfähig

Daran ändern auch massive Preiserhöhungen vieler Anbieter in den vergangenen Wochen nichts. Im Gegensatz zu einer Handvoll kleiner Versorger, die bereits Insolvenz angemeldet haben, ist Stromio aber zahlungsfähig.

Bei Stromio war offenbar am Dienstag das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Versorger müssen täglich bei den Netzbetreibern eine Meldung für ihren sogenannten Bilanzkreis abgeben. „Das soll sicherstellen, dass das verkaufte Produkt auch eingekauft wurde“, erklärt 50hertz-Sprecher Gustedt.

Nordrhein-Westfalen, Kaarst: Das Gebäude, in dem sich die Räume des Stromversorgers Stromio GmbH befinden. Kunden des Stromanbieters Stromio erhalten ihre Elektrizität nach Angaben der Netzbetreiber seit Mittwoch vom örtlichen Grundversorger.

Nordrhein-Westfalen, Kaarst: Das Gebäude, in dem sich die Räume des Stromversorgers Stromio GmbH befinden. Kunden des Stromanbieters Stromio erhalten ihre Elektrizität nach Angaben der Netzbetreiber seit Mittwoch vom örtlichen Grundversorger.

Damit die Netze stabil sind, müssen eingespeiste und abgenommene Strommenge zueinanderpassen. Das sei eine „extremst staatlich regulierte Geschichte“. Am Dienstag musste Stromio an alle vier großen Netzbetreiber melden, dass man nicht so viel eingekauft habe, wie die eigene Kundschaft verbrauchen werde.

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Bisher keine Zahlen bekannt

Deren Belieferung übernehmen nun automatisch die sogenannten Grundversorger. Das sind die größten Energieanbieter in der jeweiligen Region, meist die Stadtwerke. Es gebe bisher keine Zahlen darüber, wie viele Kundinnen und Kunden nach dem Scheitern ihres Discounters aufgenommen wurden, sagt ein Sprecher des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Aber „klar ist, dass verschiedene Grundversorger eine zum Teil hohe Zahl an Kunden über die Ersatzversorgung beliefern müssen“.

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Die Neukunden können für die Unternehmen allerdings teuer werden, denn auf diesen Zuwachs sind die Grundversorger nicht eingestellt. „Für die neu hinzukommenden Kunden müssen die Unternehmen, die für ihre Kundschaft bislang maximal konservativ vorgegangen sind, die zusätzlichen Gas- und Strommengen teuer am Markt neu einkaufen“, sagt VKU-Chef Liebing.

Bestandskunden sollen möglichst wenig belastet werden

Und weiter: „Auch die kommunalen Versorger können sich nicht von der allgemeinen Preisentwicklung abkoppeln.“ Selbst die bisher als besonders teuer verschrienen Ersatz- und Grundtarife werden für die Anbieter zum Verlustgeschäft, wenn der Strom dafür noch teurer am Spotmarkt nachgekauft werden muss.

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Ein solches Vorgehen konterkariert deutlich den Sinn und Zweck der Grundversorgung.

Fabian Fehrenbach

Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz

Teilweise hätten Stadtwerke bereits teurere Grundversorgungstarife eigens für Neukunden eingeführt, berichtet Liebing. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hält das allerdings für unzulässig. „Ein solches Vorgehen konterkariert deutlich den Sinn und Zweck der Grundversorgung“, sagte Fabian Fehrenbach, Referent Energierecht bei der Verbraucherzentrale, bereits am Montag vor den Stromio-Problemen.

„Man kann nicht Kunden, die Preise vergleichen und Sonderverträge zu günstigen Konditionen abschließen, dafür bestrafen, dass sie an ein Unternehmen geraten, das am Markt unlauter agiert“, so Fehrenbach weiter.

Beim BDEW hält man dagegen, dass der teure Nachkauf von Strom für die neuen Kunden „die wirtschaftliche Situation des Unternehmens schwer belasten“ könne. Gleichzeitig sollten die Bestandskunden dadurch so wenig wie möglich belastet werden. Es sei deshalb „verständlich, dass die Unternehmen hier nach Lösungen suchen“.

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