Nicht alle Täter sind psychisch krank

Attacken auf berühmte Gemälde: Was sind die Gründe für Kunstvandalismus?

Klima-Aktivisten der Letzten Generation haben in Rom Erbsensuppe auf ein Gemälde Vincent van Goghs geschüttet.

Klima-Aktivisten der Letzten Generation haben in Rom Erbsensuppe auf ein Gemälde Vincent van Goghs geschüttet.

Zuletzt traf es van Gogh: Klimaaktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ schütteten Erbsensuppe gegen ein in Rom ausgestelltes Werk des Künstlers, das allerdings unversehrt blieb. Die Aktionen der „letzten Generation“ sind vor allem symbolischer Natur. Die radikalen Umweltschützer beschmutzen nur Bilder, die hinter Glas geschützt sind und wollen diese nach eigenen Angaben nicht zerstören. Doch immer wieder gibt es auch echte Attacken gegen Kunstwerke, bei denen berühmte Gemälde oder Skulpturen beschädigt werden. Was treibt Menschen zu dieser Art von Vandalismus an?

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Besonders häufig fallen Kunstwerke dem Vandalismus zum Opfer, die sich im öffentlichen Raum befinden. Der Bronzefigur der „Kleinen Meerjungfrau“ in Kopenhagen wurde schon zweimal der Kopf abgesägt und sie wurde von ihrem Sockel ins Wasser gestoßen. Zuletzt wurde vor zwei Jahren der Stein auf dem sie sitzt mit einem Graffiti versehen, das sie als „Racist Fish“ (“rassistischer Fisch“) bezeichnet. Wer dahinter steckte und warum die kleine Meerjungfrau so viel Wut auf sich zieht, wurde bisher nicht aufgeklärt. Anders sieht es bei Attacken aus, die im Museum stattfinden. Hier werden die Täter oder Täterinnen gefasst und erklären sich dann auch meist.

Zumindest in einigen Fällen scheint demnach religiöser Wahn das Motiv für die Angriffe zu sein, in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen. Ein Mann, der 1972 im Petersdom einer Skulptur von Michelangelo mit einem Hammer die Nase abschlug, rief dabei aus, er sei Jesus Christus. Und ein psychisch kranker Lehrer aus den Niederlanden, der 1975 Rembrandts berühmtes Ölgemälde „Die Nachtwache“ mit einem Messer zerschlitzte, gab bei seiner Verhaftung ebenfalls an, er sei der Messias.

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Ausdruck von Hilflosigkeit

Ein anderer Kunstvandale schüttete 1959 in der Münchner Pinakothek eine Flasche acetonhaltiger Beize über das Bild „Der Höllensturz der Verdammten“ von Peter Paul Rubens. Er sagte, es habe sich bei seiner Aktion um den „Ausbruch eines Geistes“ gehandelt. Kurz vor der Tat hatte er Briefe an mehrere Münchner Zeitungsredaktionen verschickt, darin hieß es, er habe „für die Zukunft der Menschheit etwas Entscheidendes zu sagen.“ Nicht alle Kunstattentäter und -täterinnen sind aber zwangsläufig psychisch krank. In vielen Fällen handelt es sich auch um Protestaktionen. Die erste Messerattacke auf Rembrandts Nachtwache hatte 1911 zum Beispiel ein arbeitsloser Seemann verübt. Nach eigenen Angaben hatte er damit „Rache“ für seine unfaire Lebenssituation nehmen wollen.

Das Dorsch Lexikon der Psychologie führt als eine Erklärung für Vandalismus die „Gerechtigkeits-Kontroll-Theorie“ an. Dieser Theorie nach wird auf eine wahrgenommene Ungerechtigkeit mit zerstörerischem Handeln reagiert, um so „subjektive Gerechtigkeit“ herzustellen. Bei „empfundener Hilflosigkeit“ stelle Vandalismus „eine Möglichkeit dar, das Gefühl fehlender Kontrolle zu kanalisieren.“ Dazu passen nicht nur die „Rachetat“ die Seemanns, sondern auch spätere Kunstattentate auf das wohl berühmteste Bild überhaupt, die Mona Lisa.

Kunstvandalismus als Protestform

So wurde die Mona Lisa, während sie 1974 im Tokyo National Museum ausgestellt war, von einer Frau mit roter Farbe beschmutzt. Die Kunstvandalin, die selbst an einer Behinderung litt, wollte damit ihre Unzufriedenheit über den nicht behindertengerechten Zugang zum Museum ausdrücken. Und eine Russin hatte 2009 im Pariser Louvre eine Kaffeetasse aus dem Museumsshop auf ebenjenes Gemälde geschleudert, weil ihr die französische Staatsbürgerschaft verweigert worden war. Als Ausdruck von politischem Protest wurde ein Sprengstoffattentat auf Auguste Rodins Statue „Der Denker“ verstanden. Dahinter soll eine Gruppe militanter linker Aktivisten namens „The Weather Underground“ gesteckt haben, die das Werk als Symbol für Bourgeoisie und Imperialismus gesehen hatte.

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Als weitere mögliche Erklärung für Angriffe auf berühmte Werke gilt der ganz persönliche Wunsch nach Aufmerksamkeit, man spricht hierbei auch von „herostratischer“ Motivation oder „Ruhmessucht“. Herostratos war einer der ersten bekannten Kunstvandalen: 356 vor Christus soll er eines der sieben Weltwunder der Antike, den Tempel der Artemis in Ephesos, absichtlich in Brand gesteckt haben: Mit dem einzigen Ziel, dadurch seinen Namen unsterblich zu machen. Würde es einem Kunstattentäter oder einer Kunstattentäterin tatsächlich gelingen, ein Gemälde wie die Mona Lisa dauerhaft zu zerstören, ginge er oder sie wohl auch heute noch in die Geschichtsbücher ein – zumindest als Randnotiz.

Auch den letzten Angriff auf das Werk hat die Mona Lisa allerdings gut überstanden. Erst in diesem Sommer hatte ein Mann, der sich als Frau im Rollstuhl getarnt hatte, eine Torte auf das Bild geworden. Ähnlich wie die „letzte Generation“, der der Täter aber nicht anzugehören schien, wollte er den Wurf als Aufruf zum Umweltschutz verstanden wissen. Die Torte konnte dem Bild aber nichts anhaben. Wie viele bekannte Kunstwerke ist auch sie inzwischen längst hinter einer Glaswand geschützt.

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