Historiker im Interview

„Atomkraft galt als die Zukunftstechnologie, so ähnlich wie das Internet“

Wasserdampf steigt aus dem Kühlturm vom Atomkraftwerk (AKW) Isar 2. Das Kernkraftwerk im Landkreis Landshut ist das letzte in Bayern, das noch nicht endgültig vom Netz gegangen ist.

Wasserdampf steigt aus dem Kühlturm vom Atomkraftwerk (AKW) Isar 2. Das Kernkraftwerk im Landkreis Landshut ist das letzte in Bayern, das noch nicht endgültig vom Netz gegangen ist.

Die Geschichte der Atomkraft sei unmittelbar relevant für die Gegenwart, sagt der Historiker Frank Uekötter. Der Professor forscht an der Universität Birmingham zu Umweltthemen im globalen Kontext. Im RND-Interview spricht er über die Anfänge und Wendepunkte in der Atomkraftdebatte in Deutschland – und erklärt, wer aus seiner Sicht als Sieger hervorgeht.

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Herr Uekötter, welche Mythen zur Atomkraft halten sich bis heute hartnäckig?

Erstens, dass Merkel die Atomkraft beendet hat. Es stimmt formal, aber davor war sie für fast zwei Jahrzehnte ein Störfaktor erster Güte. Eigentlich hatte die rot-grüne Bundesregierung mit dem Atomkonsens von 2000 den Atomausstieg auf den Weg gebracht – nach richtig harten Verhandlungen. Im Herbst 2010 hat der Deutsche Bundestag mit Stimmen der CDU, CSU und FDP aber sogar noch eine Laufzeitverlängerung der AKWs beschlossen. Wenige Monate später passierte dann die Nuklearkatastrophe in Fukushima, woraufhin Merkel ihren Kurswechsel beschloss. Es ist auch eine Leistung zu sagen, dass man sich geirrt hat, aber die größere Leistung, die politische Arbeit zum Atomkonsens, geht auf Rot-Grün zurück.

Für sein neues Sachbuch hat sich Frank Uekötter mit der Geschichte der Atomkraft in Deutschland befasst. „Atomare Demokratie – Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland“ erscheint am 2. Juni beim Franz Steiner Verlag und kostet 29 Euro.

Für sein neues Sachbuch hat sich Frank Uekötter mit der Geschichte der Atomkraft in Deutschland befasst. „Atomare Demokratie – Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland“ erscheint am 2. Juni beim Franz Steiner Verlag und kostet 29 Euro.

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Gibt es weitere Mythen zur Atomkraft?

Ein zweiter Mythos ist, dass Atomkraft besonders günstig ist. Die Anfangsinvestitionen sind sehr hoch. Wenn sie laufen, sind Atomkraftwerke relativ günstig, sind am Ende im Rückbau dann aber wieder mehrere Jahre oder Jahrzehnte teuer. Betriebswirtschaftlich ist das keine besonders attraktive Investition. In allen Ländern, in denen Atomkraft noch immer eine Rolle spielt, wird die Atomwirtschaft massiv staatlich subventioniert.

Für einige Leute ist es heutzutage unvorstellbar, dass Atomenergie gehyped wurde, obwohl man so wenig über ihre praktische Umsetzung wusste. Wie kann man sich die Anfänge der Atomkraft in Deutschland vorstellen?

Atomkraft galt als die Zukunftstechnologie, so ähnlich wie das Internet. Das wollte man nicht verpassen. Mitte der 50er Jahre, in den Wirtschaftswunderjahren, war die Bundesrepublik Deutschland beim internationalen Trend zur Atomkraft dabei. Da ging es viel um Visionen und um die Frage: Wenn wir langfristig stabiles Wirtschaftswachstum haben, geht uns irgendwann die Energie aus? Man wollte sorgenlose Energie haben. Auch das deutsche Universitätssystem, das vorm Nationalsozialismus weltweit führend gewesen war, sollte dafür sorgen, dass Deutschland bei Wissenschaft und Technik wieder an die Weltspitze kommt. Deswegen floss schnell viel Geld in die Atomforschung.

Gab es damals schon Kritik an Atomenergie?

An der zivilen Atomkraft gab es Anfang der 50er Jahre noch keine Kritik, aber an einer atomaren Aufrüstung des Militärs. Wissenschaftler schrieben das sogenannte „Göttinger Manifest“ und gingen damit 1957 an die Öffentlichkeit. Diese Debatte wurde klassisch intellektuell geführt – so sah Protest vor der „Fundamental-Liberalisierung“ aus.

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Frank Uekötter ist Professor für geisteswissenschaftliche Umweltforschung an der Universität Birmingham und Autor mehrerer Sachbücher über Umweltgeschichte.

Frank Uekötter ist Professor für geisteswissenschaftliche Umweltforschung an der Universität Birmingham und Autor mehrerer Sachbücher über Umweltgeschichte.

Was bedeutet das?

Das ist eine Theorie von uns Historikern: Wir sagen, dass es eine Art Neugründung der bundesdeutschen Demokratie gegeben hat. Die hat 1957 mit der kleineren Protestbewegung „Kampf dem Atomtod“ schon ein wenig begonnen, flachte aber schnell wieder ab. Die 68-Bewegung war dann einer der Katalysatoren, sodass öffentlicher Protest legitim wurde und öffentlich über kontroverse Fragen diskutiert werden musste. Dass niemand mehr die Nase rümpft, wenn jemand auf die Straße geht, dass man auf Bürger zugehen muss – diese Selbstverständlichkeiten einer offenen Gesellschaft mussten erst mal erkämpft werden. Dieser Wandel ist ein Teil des Kipppunktes der Atomkraft.

Wann wurde der Protest gegen Atomkraft dann wirklich groß?

Die 70er Jahre sind die Wasserscheide für den Protest in Deutschland. Wyhl, ein Dorf in Südbaden, war der erste Ort, an dem 1975 eine Bürgerinitiative wirklich öffentlich sichtbar gegen Atomkraft protestiert hat mit richtiger Mobilisierung und Besetzung. Also einer „Aufmüpfigkeit“, die wir heute für selbstverständlich halten, aber damals überhaupt nicht üblich war. Der Bau eines Kernkraftwerks bei Wyhl war in einer Nachrichtensendung erstmals öffentlich angekündigt worden. Heute würde man erst einmal mit dem Dorf und Bürgerinnen und Bürgern sprechen. Diese aus heutiger Sicht demokratischen Selbstverständlichkeiten gab es damals nicht.

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Anlass für Kritik war also auch der undemokratische Prozess und nicht bloß Angst vor der unbekannten Atomkraft?

Genau, wobei man den Aspekt nicht übersehen darf: Atomkraft als gebaute Realität gab es damals einfach noch nicht. Die ganze Begeisterung für Atomenergie in den 50er und 60er Jahren war immer eine theoretische. In den 70er Jahren wurden die Werke teilweise erst fertiggebaut. Man stellte sehr schnell fest: Ganz so einfach sind sie nicht, sondern doch teurer, komplizierter und störanfälliger, als man geglaubt hatte. Das gibt der Kontroverse einen ganz eigenen Charakter: Das Lernen über Atomkraft und das Protestieren gegen Atomkraft waren aufs Engste miteinander verbunden. Die Anti-Atomkraft-Bewegung war auch für kritische Experten eine Chance, die Stimme zu erheben.

Welche Rolle hat Angst bei der Anti-Atomkraft-Bewegung gespielt?

Angst war ein Thema, vor allem die Angst vor einem Atomkrieg. Der Gedanke, dass man eine so riskante Technologie und so riskantes Wissen über Atomenergie beziehungsweise -waffen zirkulieren lässt, war vielen unheimlich. Diese Angst war damals auch nicht komplett aus der Luft gegriffen. Die frühen Atomkraftwerke waren in hohem Maße störanfällig. Da ging tatsächlich eine Menge schief. Es kam zwar nicht zu größeren Unfällen in Deutschland, aber es gab einige Vorfälle – wenn da nicht ein paar Leute sehr schnell die richtigen Entscheidungen getroffen hätten, dann wäre man in einen gefährlichen Bereich gekommen.

Inwiefern haben Nuklearkatastrophen die Debatte um Atomkraft in Deutschland beeinflusst?

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Diese Katastrophen waren Beschleuniger der Debatte. Nach Tschernobyl gab es in der SPD, die lange über Atomkraft diskutiert hatte, eine Mehrheit für einen Atomausstieg – 1998 war dann die rot-grüne Regierung gewählt, die diesen Ausstieg umsetzen wollte. Der Unfall in Fukushima hat 2011 die CDU zum Umsteuern ihrer Politik bewegt.

Ende des Jahres gehen die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Hat die Anti-Atomkraft-Bewegung gesiegt?

In der Publizistik wird – auch von den Zeitzeugen – immer wieder der Eindruck erweckt, dass der kleine David, also die Anti-Atomkraft-Bewegung, den Goliath der Atomindustrie erledigt hat. Die Realität ist: Wenn die Atomkraftwerke so reibungslos funktioniert hätten und so günstig gewesen wären, wie man sich das bis Anfang der 70er Jahre erhofft hatte, dann hätte dieser Protest nicht den Hauch einer Chance gehabt. Dann wären die Atomkraftwerke gebaut worden und wir hätten heute viele davon.

Wer oder was hat denn dann „gesiegt“? Wie Sie die Geschichte erklären, klingt das nach einem Triumph der politischen Mündigkeit.

Genau, in gewisser Weise ist das so. Die Anti-Atomkraft-Bewegung hat einen großen Impuls gegeben, öffentliche Debatten zu führen. Vorher war vor allem unter Experten diskutiert worden. Man hat dadurch richtig große Fragen verhandelt: Was ist der Stellenwert von Experten? Wem gehört die Loyalität dieser Experten – den Atomfirmen oder der Öffentlichkeit? Das führte bis zu der Grundsatzdebatte darüber, in was für politischen Verhältnissen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

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Man kann den Konflikt um Atomkraft als ein gutes Lehrstück für gelebte Demokratie sehen. Die Fähigkeit zur Kurskorrektur ist ein Erfolg unserer Verhandlungsdemokratie: Unsere Demokratie ist in der Lage gewesen, sachlich sinnvolle und demokratisch akzeptable Entscheidungen zu treffen. Wir haben ein politisches System, das ziemlich kompliziert ist, das auch störanfällig ist und den Menschen verdammt viel abverlangt. Aber so wie in der Atomdebatte funktioniert Demokratie.

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