Expertin zu Waldbränden: “Es bleibt nur übrig, auf Regen zu hoffen”

Brände gehören zum Ökosystem Wald dazu und können Nährboden für spezielle Pflanzenarten sein, sagt Waldökologin Tanja Sanders.

Im Westen der USA zerstört eine Serie von Waldbränden seit dem Sommer dieses Jahres riesige Flächen. Von Kalifornien ausgehend sind bereits mehr als 13.000 Quadratkilometer Wald den Flammen zum Opfer gefallen. Der Rauch der Brände hat am Freitag bereits Deutschland erreicht und zu einer Verschlechterung der Luftqualität geführt, wie das Leibniz-Institut für Troposphärenmessung (Tropos) bekannt gab.

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Welche Ursachen diese Waldbrände haben können, ob auch Deutschland davon bedroht ist und warum Feuer in manchen Ökosystemen dazugehört, erklärt Dr. Tanja Sanders vom Thünen-Bundesinstitut für Waldökosysteme im RND-Interview.

Frau Sanders, im Westen der USA wüten derzeit Waldbrände von gigantischem Ausmaß. Wie entstehen diese Brände?

Es gibt grundsätzlich zwei Ursachen für Waldbrände: natürliche und anthropogene, also von Menschen verursachte. Die natürlichen Ursachen sind zum Beispiel Blitzeinschläge oder Vulkanausbrüche. In Amerika gibt es jetzt wohl auch häufiger trockene Blitze. Bei uns ist ein Gewitter ja auch immer mit viel Regen verbunden. Dadurch ist die Gefahr, dass ein Blitzschlag einen Waldbrand auslöst, sehr gering. In Amerika gibt es aber auch Gewitter ohne Regen, wodurch natürlich Brände entstehen können.

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Aber der Hauptteil der Brände entsteht – sowohl bei und als auch in Amerika – durch anthropogene Ursachen. Also wenn jemand eine Zigarette wegwirft, ein Lagerfeuer nicht richtig ausmacht oder mit einem heißen Motor in den Wald fährt. Aber auch gezieltes Abbrennen kann außer Kontrolle geraten und solche Waldbrände verursachen.

Aus welchem Grund werden Waldflächen gezielt abgebrannt?

Als präventive Maßnahme, zum Beispiel um die Brandlast zu verringern. Wir haben das Problem, dass je mehr tote Äste im Wald liegen, desto mehr Material gibt es, was brennen kann. Damit das nicht überhandnimmt, kann man gezielt den Wald abbrennen. Das macht man idealerweise in einer regenreichen Saison, damit nur die leicht entflammbaren Sachen abbrennen und das Feuer nicht außer Kontrolle gerät. Wind oder Trockenheit können aber genau dazu führen.

Ist das Waldbrandrisiko durch Dürre in den letzten Jahren gestiegen?

Im Zuge des Klimawandels nehmen extreme Ereignisse zu. Dazu gehört auch die Trockenheit – wobei die alleine noch keinen Waldbrand macht. Dafür müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, wie Trockenheit, hohe Brandlast durch viel Totholz sowie eine Ursache für den Brand. Dann kann es dazu kommen, dass sehr schnell sehr große Flächen brennen.

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Ist ein Szenario wie derzeit in Kalifornien auch in Deutschland denkbar?

Wir haben natürlich nicht solche Waldflächen, also gibt es auch keine so großen Brandflächen. Aber natürlich ist es auch denkbar, dass es in Deutschland zu einem Waldbrand kommt. Erst letztes Jahr gab es in Brandenburg für unsere Verhältnisse große Brände, bei denen es aufgrund der Windverhältnisse für die Feuerwehr sehr schwer war, die Brände zu löschen. Da bleibt nur übrig, auf Regen zu hoffen. Einen Waldbrand ohne Regen zu löschen ist ja so gut wie unmöglich, das hat man auch in Australien gesehen. Löschflugzeuge können zwar die Infrastruktur schützen, sind aber oft nur ein Tropfen auf dem heißen Wald. Bei Bodentemperaturen von bis zu 500 Grad Celsius verdampft das Wasser nur. Auch bei uns können große Waldbrände entstehen, deshalb wird ja in den meisten Bundesländern mit Brandschneisen, Löschteichen und Meldesystemen bereits viel getan, um die Ausbreitung dieser Brände zu verhindern.

Wie wirkt sich ein solcher Brand auf das Ökosystem des Waldes aus?

Das ist extrem unterschiedlich. Genauso wie der Verfall, also das Absterben von Bäumen, zum Wald dazugehört, gehört auch das Feuer oft dazu. Sequoia, die Mammutbäume in Kalifornien, brauchen es beispielsweise, um zu keimen. Diese Bäume können sich nicht ohne ein Feuer neu etablieren. Gerade dort ist das Feuer eigentlich ein Bestandteil des Systems. Aber mittlerweile ist die Infrastruktur dort so weit in die Wälder reingerückt, dass die Menschen auch im Wald leben. Damit kommen die großen Probleme.

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Vorher hat man kleinere Feuer zum Beispiel oft durchgehen lassen. Denn grundsätzlich zerstört ein Feuer sehr viel, aber es bringt auch wieder neue Nährstoffe ins System. Wenn nach einem Feuer das ganze Brandmaterial entfernt wird, brauchen die Böden teilweise sehr lange, um sich wieder zu erholen. Nach kleinen Feuern kann das verbrannte Material sogar ein Nährstoffpool sein, auf dem die Regeneration schnell voranschreitet. Bei uns ist ein bis zwei Jahre nach einem Brand schon wieder eine natürliche Waldentwicklung zu beobachten, bei der sich Pionierarten wie die Birke wieder ansiedeln können. Auch für die Tierwelt stellen kleine Feuer meistens keine schlimme Bedrohung dar, weil die Tiere – anders als die Bäume – fliehen können.

Dr. Tanja Sanders leitet den Arbeitsbereich Waldökologie und Biodiversität am Thünen-Institut für Waldökosysteme.

Dr. Tanja Sanders leitet den Arbeitsbereich Waldökologie und Biodiversität am Thünen-Institut für Waldökosysteme.

Erholt sich das Gebiet in Brandenburg auch schon wieder?

Ja, auch dort beginnt die natürliche Ansiedlung von Bäumen wieder. Sobald die Brandfläche abgekühlt ist, verteilt sich durch den Wind und Vögel wieder Saatgut. Dadurch entwickelt sich auf natürliche Weise wieder ein Wald. Bei größeren Brandflächen dauert es natürlich länger, bis wieder ein Wald entstehen kann.

Ist ein Gebiet nach einem Waldbrand irgendwann wieder bewohnbar?

Pflanzen können im Grunde überall wachsen, es dauert nur manchmal etwas länger. Selbst auf der erkalteten Lava auf Hawaii siedeln sich wieder Pflanzen an. Auch nach einem so extremen Eingriff erholt sich die Umwelt wieder. Ob es auch für Menschen sinnvoll ist, solche Gebiete wieder zu besiedeln, ist eine eher moralische Frage. Denn fraglich ist ja, ob es Sinn macht, wieder in Gebiete zu ziehen, die eine Feuerökologie brauchen. Gerade in den USA bräuchte es Schutzbereiche, die zwischen dem Wald und der Siedlung liegen. Diese Bereiche müssten komplett von Brandlast befreit, gepflegt und eventuell sogar bewässert werden.

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Beobachten Sie auch einen Zusammenhang zwischen den Waldbränden und dem Klimawandel?

Die Trockenheit ist natürlich ein guter Nährboden für Brände. Aber auch die Asche, die durch einen Waldbrand entsteht, kann das Klima belasten – das ist ja ein geschlossenes System. Wenn CO₂, Asche und Staub ausgestoßen werden, haben die auch wieder eine Wirkung. Dadurch könnte es eventuell zu einer Rückkopplung kommen, wobei das im Fall der Waldbrände in Kalifornien noch nicht so schnell festzustellen ist. Wir haben dieses Jahr sowieso extrem verfälschte Messergebnisse. Dadurch, dass viele Flugzeuge am Boden geblieben sind, hatten wir eine sehr saubere Luft. Es könnte sein, dass wir durch die Waldbrände jetzt wieder eine Belastungssituation bekommen.

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