Was können die Deiche leisten?

Klimawandel, Hochwasser und Deiche: Wie sicher sind Deutschlands Küsten?

Orkantief Sabine über der Nordseeküste im November 2021.

Orkantief Sabine über der Nordseeküste im November 2021.

Der Deich, der die Bewohner und Bewohne­rinnen der Bremer Neustadt vor Hochwasser schützen soll, erfüllt gerade noch so seinen Zweck. Bei extremen Sturmfluten sind am linken Weserufer Wasserstände bis zu 7,85 Meter tragbar. „Wenn der Pegel mit dem Klimawandel weiter nach oben klettert, reicht das aber nicht mehr“, sagt Michael Dierks. Eine Höhe von 8,70 Metern brauche der Deich. Stabiler müsse er auch werden, um nach 2050 noch dem Wasser standzuhalten.

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Seit 1962 wurde dieser Bremer Deich­ab­schnitt links der Weser nicht mehr verändert. Der Geschäfts­führer des örtlichen Deich­verbands zeigt kopfschüttelnd auf eine grasbewachsene Böschung, die bis hinunter an das Weserufers ragt. Auf dem Deich thronen majestätische Platanen, auf einem nicht asphaltierten Gehweg daneben schlendern Fußgänger, auch ein paar Radfahrer sind unterwegs. Und hinter dem Deich beginnt direkt die Stadt – mit einer gepflasterten Straße, parkenden Autos vor Wohnhäusern, einem Café, einem Bürokomplex.

Das linke Weserufer in der Bremer Neustadt: Dieser Deich müsste dringend erneuert werden. Aber das Bauvorhaben zieht sich in die Länge.

Das linke Weserufer in der Bremer Neustadt: Dieser Deich müsste dringend erneuert werden. Aber das Bauvorhaben zieht sich in die Länge.

So würde man heute nicht mehr bauen

So würde man das heutzutage nicht mehr bauen, ist sich Dierks sicher. Der Deich sei nicht nur viel zu steil angelegt, sondern bestehe größtenteils aus Sand und Bauschutt. „Solche Baustoffe würden wir heutzutage niemals verwenden, weil sie wasser­durch­lässig sind.“ Und die Bäume, zwar hübsch im Stadtbild anzusehen, seien nach neuen Küstenschutz-Richtlinien und wegen beengter Platz­verhält­nisse eigentlich gar nicht mehr zulässig. Grünes Deckwerk, Rasen, höchstens ein paar Schafe – das gehöre eigentlich auf den Deich. Und als Sediment brauche es Kleiboden.

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Michael Dierks, Geschäftsführer Deichverband Bremen

Michael Dierks, Geschäftsführer Deichverband Bremen

Seit 2010 überlegen Verband und Stadt­verwaltung, wie der Deich der Zukunft hier aussehen könnte. Technisch sei das eigentlich in rund fünf Jahren zu bewerk­stelligen, sagt Dierks. Der Umbau steht aber auch nach zwölf Jahren noch aus. Unter anderem, weil sich eine Bürger­initiative gegen das Abholzen der Platanen stemmt. An einem Runden Tisch ringen die Baubehörde und die Bürger­initiative auch im März 2022 noch um einen Konsens, auch ein Volks­entscheid steht im Raum. Wann Dierks inzwischen mit dem Baustart rechne? Schulterzucken.

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Deiche und Klimawandel: Nicht mit dem Umbau warten

Doch den Städten und Kommunen in Küstennähe bleibt nicht mehr allzu viel Zeit für die Anpassung. Die Folgen des Klimawandels führen zukünftig zu immer mehr Problemen, hält der Weltklimarat (IPCC) in seinem Ende Februar veröffentlichten Sach­stands­bericht fest. Modellierungen zeigen, dass Starkregen, Sturmfluten und Über­schwem­mungen deutlich intensiver werden und häufiger vorkommen, wenn das 1,5-Grad-Ziel überschritten wird. Der Anstieg des Meeres­spiegels stelle spätestens nach 2100 „eine existenzielle Bedrohung“ für Küsten­gemeinden dar, so das Urteil der inter­nationalen Forschungs­gemeinde.

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Bis dahin mit dem Ausbau der Deiche zu warten, wäre aber fatal. „Die Gesellschaft muss sich schon jetzt entscheiden, ob und wie das geschehen soll“, sagt Peter Fröhle, Professor für Wasserbau an der Technischen Universität Hamburg. „Schon 2022 muss man Anpas­sungen zumindest konzeptionell angehen, um auch in Zukunft sicher zu sein.“

In den Küsten­bereichen gibt es viele Regionen, die schon längst überflutet wären, wenn es keine Deiche gäbe.

Diana Rechid,

Klimaforscherin

Allein in Niedersachsen gibt es mehr als 1000 Kilometer Deichlinie an der Küste. Fröhle zufolge ist es „ein immenser Aufwand“, alle Deiche zu erhöhen und zu verstärken. Auch Bremen mit seinen rund 530.000 Einwohnern und Einwohnerinnen ist davon nicht ausgenommen. 86 Prozent der Stadt sind durch Hochwasser gefährdet. Deshalb bleibt dem Deichverband in Zusammenarbeit mit den Städteplanern und ‑planerinnen gar nichts anderes übrig, als rund 52 Kilometer Deich zu erhöhen, zu verstärken und zu stabilisieren. Das besagt der Generalplan Küstenschutz, für den in Nieder­sachsen und Bremen alle Deiche im Jahr 2007 auf künftige Klima­szenarien überprüft wurden.

Welche Gebiete sind von Hochwasser bedroht?

Eine Alternative gibt es nicht. „In den Küsten­bereichen gibt es viele Regionen, die schon längst überflutet wären, wenn es keine Deiche gäbe“, macht Diana Rechid vom Climate Service Center (Gerics) in Hamburg deutlich. Bis Mitte des Jahrhunderts sei man da noch sehr sicher aufgestellt. „Man sollte sich aber bewusst sein: Wenn man in so einem Gebiet lebt und der Meeres­spiegel steigt, muss man immer genau beobachten: Ist dieser Deich in seiner Stabilität ausreichend, um das Wasser abzuhalten?“, erklärt die Klimaforscherin. Wie stark genau wann der Meeres­spiegel ansteigt, wie häufig und wie stark es zu Sturmfluten und Hochwasser in der zweiten Hälfte des Jahr­hunderts kommt – da gebe es allerdings noch viele Unsicher­heiten, auch bei den Model­lierungen von möglichen Szenarien.

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Die Karte der US-Organisation Climate Central zeigt beispiels­weise, welche Flächen an der Nordsee bei einem pessimis­tischen Szenario zum Klimawandel bis in das Jahr 2100 überflutet sein könnten. Die Forschenden haben mithilfe von Topographie‑ und Populations­daten die Folgen des Meeres­spiegel­anstiegs unter anderem auch für diese Region untersucht. Aber: Angepasste Schutz­maß­nahmen wie Deiche spielen bei dieser Modellierung noch keine Rolle.

2100 kann man sicher an der Küste leben – nur zu welchem Preis?

Klar ist aber bei solchen Szenarien: Die Deiche werden immer weiter in die Höhe wachsen müssen. „Bei ungebremstem Klimawandel kommt aber irgendwann wahrscheinlich der Punkt, an dem es viel zu teuer wird, diese Deiche aufrecht­zu­erhalten“, gibt Klima­wissen­schaftlerin Rechid zu Bedenken. „Dann ist es dort nicht mehr möglich, dort zu leben – sodass die Menschen von der Küste ins Landesinnere umsiedeln müssen.“

Wasserbauexperte Fröhle ist da etwas optimistischer. „Es gibt technische Lösungen, damit wir auch 2100 und 2150 noch sicher in Küsten­gebieten in Nord­deutsch­land leben können“, sagt er, gibt aber ebenfalls zu Bedenken: „Alle Lösungen sind teuer und langwierig in der Umsetzung.“ Außerdem werden Deiche die Kommunen nicht nur eine Menge Geld kosten, sondern vor allem auch Fläche. „Erhöht man einen Deich um nur einen Meter, dann verbreitert sich der Querschnitt an der Basis des Deichs an der Küste zumeist um weit mehr als zehn Meter“, erklärt Fröhle.

Wächst der Deich einen Meter in die Höhe, wächst er sieben in die Breite

Für Bremens Stadtgebiet gilt Dierks zufolge: Für jeden Meter höheren Deich braucht es sieben Meter in der Breite. Auch das führe zu Nutzungs­konflikten, weil gerade in der Stadt gleichzeitig um Wohnraum, Geschäfts­gebäude, Parkplätze, Rad- und Fußwege und Grünflächen konkurriert wird. Kopfzerbrechen bereitet ihm zudem, dass die Folgen des Klimawandels nicht exakt berechenbar sind. Werden die Klima­modellierungen aus der Wissenschaft aktualisiert, wirkt sich das direkt auf die Bauvorhaben seines Deichverbands aus. Und so endet die Arbeit eigentlich nie.

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Immerhin an neun Standorten links der Weser habe man beispiels­weise schon die Deiche auf Stand gebracht und gemäß Küsten­schutz­plan um einen halben Meter erhöht. „Jetzt ist der Plan von 2007 aber eigentlich schon wieder überholt“, berichtet der Geschäfts­führer. „Die Deiche müssen nun noch mal an vielen Stellen um einen Meter erhöht werden.“ Dabei plane und baue man Deiche eigentlich für rund 100 Jahre.

Einmal bauen und Jahrzehnte lang Ruhe haben: Damit könnte angesichts der möglichen Zukunfts­szenarien nun Schluss sein. „Es kommt jetzt wirklich auf die nächsten paar Jahre an“, betont Klima­forscherin Diana Rechid. „Viele denken, der Klimawandel ist ein Problem der Zukunft, das einen jetzt noch nicht betrifft.“ Forschende sind sich aber einig: Genau jetzt und sehr schnell braucht es überall riesige Umstellungen, um sich dem Klimawandel anzupassen und gleichzeitig die Emissionen auf null zu bekommen. Sonst werden die Über­schwem­mungen irgendwann Schäden anrichten, die überhaupt nicht mehr zu kontrollieren sind.

RND

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