Plötzlich Großfamilie: Zweifach-Adoptivmutter und unerwartet schwanger

Eifersucht nach der Geburt eines Geschwisterchens ist nicht selten – bei Adoptivkindern ist die Verlustangst häufig aber noch größer.

Eifersucht nach der Geburt eines Geschwisterchens ist nicht selten – bei Adoptivkindern ist die Verlustangst häufig aber noch größer.

“Als ich in dieses Zimmer kam, sah ich sie mit dem Kind, eine positive junge Frau, kein Drogenjunkie, ich fragte mich: Was will ich hier? Ich will ja keiner Mutter ihr Kind wegnehmen.” Gleichzeitig hatte Gertraud Schöpflin Panik, die Frau mit dem Kind im Arm würde es sich anders überlegen. “Sollte ich beten: Mach, dass sie mir ihr Kind gibt? Das ist doch daneben!”

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Der Traum von einer eigenen, heilen Familie

Es ist kurz vor Weihnachten und Gertraud Schöpflin ist 29 Jahre alt, als sie ein Kind bekommt, das sie nicht selber bekommen hat. Ihren Bauch hat sie keine neun Monate lang wachsen sehen, sie hat sich nicht auf den großen Tag einstellen können. Vier Tage vor der Geburt erfährt sie: Sie wird Mutter. “Als die junge Frau ihn mir gegeben hat, wusste ich: Für sie ist es der allerschrecklichste Tag – für mich der allerschönste.” Neun Jahre hat sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als Mutter zu werden. Muttertag ertrug sie kaum. “Da kam einfach alles hoch, Schmerz und Mangel.” Künstliche Befruchtung hatte bei ihr nicht geklappt – den Kinderwunsch sogar verstärkt. “Für meine Identität als Frau war das wichtig”. Außerdem sei sie selbst in einer “nicht so harmonischen Familie aufgewachsen” und träumte von einer eigenen, heilen Familie.

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Sonntags fiel sie regelmäßig in ein Loch. “Ich wünschte mir, diesen Herzenswunsch aus mir herausschneiden zu können, beneidete kinderlose Paare, die sich zufrieden anderen Dingen zugewandt hatten.” Hatte sie auch versucht. Und als gelernte Redakteurin noch Lehramt studiert. Der Wunsch ebbte trotzdem nicht ab. Dann, am 16.12., übergibt ihr also die junge Frau ihr frisch Geborenes. Gertraud Schöpflin sagt: “Für uns war wichtig zu wissen: Das Jugendamt hatte der jungen Frau Wege angeboten. Die hatte sie alle abgelehnt. Sie hatte Migrationshintergrund und konnte in ihre Familie nicht mit einem Baby zurückkehren.”

Zwei adoptierte Kinder – und plötzlich schwanger

Fünf Jahre später holen sie und ihr Mann ein Geschwisterchen für ihren Sohn aus einem weißrussischen Heim. Schenja, den sie Josia nennen. Zwei Kinder, so wie es in vielen deutschen Durchschnittsfamilien üblich ist, Gertraud hat ihren Wunsch verwirklicht. Doch dann passiert das Unfassbare.

Was hatte da die Arzthelferin in der Frauenarztpraxis eben gesagt? “Das Ergebnis ist positiv.” Ungläubig fragt sie nach. “Sind sie sicher? Wir versuchen es seit 15 Jahren.” Auf dem Ultraschall sieht sie es selbst: Da klopft ein Herz.

Empfängnisverhütung spielte keine Rolle mehr

Gertraud Schöpflin war doch glücklich gewesen mit ihren zwei Jungs, ihr Kinderwunsch war erfüllt. Nur manchmal nagte die Frage an ihr: Wie hätten ihre leiblichen Kinder ausgesehen? Verwirrt und überwältigt verlässt sie nach dem positiven Testergebnis die Praxis. Mit ihrem ersten Mutterpass! Obwohl sie bereits zweifache Mutter war. “Spätgebärende” steht da drin.

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Die nächste Überraschung folgt nur neun Monate nach der Geburt des Dritten: Sie hält den nächsten positiven Schwangerschaftstest in der Hand. “Wer so viele Jahre vergeblich versucht hat, schwanger zu werden, macht sich über Empfängnisverhütung keine Gedanken mehr.” Außerdem dachte sie, so lange sie stillte, könnte eh so gut wie nichts passieren. Dann plötzlich: Großfamilie. “Die letzten drei Jungen trafen innerhalb von vier Jahren bei uns ein.”

Besonders die Adoptivkinder waren häufig eifersüchtig

Die beiden Älteren entpuppen sich als eifersüchtig, buhlen um ihre Aufmerksamkeit. “Wenn ich kurz duschen war, waren danach Pullis zerschnitten oder der Tisch zerkratzt. Ständig. Damals brachten mich diese Verhaltensauffälligkeiten in den Bereich totaler Überforderung.”

Vor allem mit dem zweiten Sohn ist es oft schwer. Litt er unter seiner biografischen Fehlstelle? Seine Mutter hatte er nie kennengelernt – im Gegensatz zum ersten Sohn, der ab und zu Kontakt zu seiner leiblichen Mutter hatte. Gertraud Schöpflin sagt heute: “Ein Kind, das weggegeben wird, wird traumatisiert. Alle Adoptivkinder nehmen das mit und fragen: Was war an mir so schlecht, dass man mich nicht behalten hat?” Josia, der Junge aus dem Waisenhaus, hatte kein einziges Babyfoto von sich. Und kein Bild von seiner Mutter.

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Die Verbindung zur Adoptivmutter ist trotzdem stark

Als er 18 Jahre ist, darf er sie – entsprechend des weißrussischen Adoptionsrechts – kennen lernen. Gertraud Schöpflin erinnert sich: “Ich hatte natürlich Angst, dass sich etwas in unserer Verbindung ändert. Man will auch eine einzigartige Stellung. Aber man hat dann schon so viel miteinander erlebt, dass man sich auch sagt: Egal, ob wir verwandt sind, wir haben eine Beziehung miteinander, weil wir einen intensiven Weg miteinander gegangen sind.”

Heute lebt Josia in einer WG, und der erste Sohn nebenan. Er heiratet demnächst. Beide sind gerade eifrig dabei, flügge zu werden. Aber immer wieder zieht es sie an den gemeinsamen Esstisch ihrer Großfamilie.

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