Städte wollen Strom sparen

Straßenbeleuchtung ausschalten: Nimmt dann die Kriminalität zu?

Eine Frau geht am Eckensee in Baden-Württemberg entlang: Wegen der Energiekrise wollen Städte die Straßenbeleuchtung reduzieren.

Eine Frau geht am Eckensee in Baden-Württemberg entlang: Wegen der Energiekrise wollen Städte die Straßenbeleuchtung reduzieren.

Die Energiepreise steigen und zwingen Städte und Gemeinden zu Sparmaßnahmen. Im Fokus steht dabei unter anderem die Straßenbeleuchtung. Die Stadt Weimar schaltet ihre Laternen zum Beispiel nun 30 Minuten später ein und 30 Minuten früher aus. In den Wintermonaten soll die Beleuchtungszeit wiederum um jeweils zehn Minuten reduziert werden. So könnten pro Jahr zwischen 70.000 und 100.000 Kilowattstunden eingespart werden, hatte die Stadt Mitte Mai im Zuge einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur mitgeteilt. Das entspräche etwa 30.000 bis 40.000 Euro bei dem derzeitigen Energiepreis.

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Andere Städte handhaben es ähnlich. In Bremen etwa werden viele Lampen zwischen 22 Uhr und 6 Uhr auf 50 Prozent der Leistung gedimmt. Das spart zwar Strom, könnte jedoch Ängste fördern. Denn bei fehlendem oder nur gedimmtem Licht sind viele Menschen nur ungern auf den Straßen unterwegs. „Das subjektive Sicherheitsempfinden, also das rein individuelle Befinden, ist im öffentlichen Raum nachts besser, wenn es mehr Beleuchtung gibt“, sagte Lichttechnik-Forscher Samuel Fiedelak von der TU Berlin vor wenigen Wochen im rbb-Interview.

Dunkle Straßen oder Plätze werden hingegen eher gemieden, wie 2020 eine Umfrage des Max-Planck-Instituts ergab. Besonders unsicher in der Dunkelheit fühlen sich Menschen, die schon einmal Op­fer von Gewalt oder Pö­be­lei­en geworden sind. Eine Studie aus Bochum kam 2019 ferner zu dem Ergebnis, dass Frauen verhältnismäßig häufiger versuchen, Fremden im Dunkeln auszuweichen, als Männer – aus Angst vor Kriminalität. Doch ist diese Furcht berechtigt?

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Studie: Straßenbeleuchtung führt zu „signifikantem“ Rückgang der Kriminalität

Ist es dunkel, haben Kriminelle leichtes Spiel, so lautet eine weitverbreitete Sorge. Statistisch belegt ist das nicht. Denn ob ein Gewaltverbrechen nachts oder tagsüber stattfindet, wird vom Bundeskriminalamt nicht erfasst. Das teilte die Behörde auf Anfrage des WDR Wissenschaftsmagazins „Quarks“ mit. „Ob es einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Dunkelheit gibt und wenn ja, wie stark der ist – dazu gibt es noch Forschungsbedarf“, sagte auch Lichttechnik-Forscher Fiedelak.

Das Thema beschäftigt unter anderem den Schwedischen Nationalrat für Kriminalprävention. Die Behörde hat in diesem Jahr eine Metaanalyse herausgebracht, die auf 21 Studien basiert. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Straßenbeleuchtung in den Versuchsgebieten zu einem „signifikanten Rückgang“ der Kriminalität um 14 Prozent, verglichen mit ausgewählten Kontrollgebieten, geführt hat. Ebenso sank die Zahl der Eigentumsdelikte, nicht aber die der Gewaltdelikte.

In Schleswig-Holstein werden deutlich weniger Autos gestohlen.

Eigentumsdelikte wie Fahrzeugeinbrüche sind während des Untersuchungszeitraums in beleuchteten Gegenden seltener vorgekommen.

Für Gewalttäter scheint es grundsätzlich egal zu sein, ob es hell oder dunkel ist. In der Studie zeigte sich: Verbrechen in der Nacht gingen nicht stärker zurück als am Tag. Das würde bedeuten, dass die energiesparenden Straßenbeleuchtungsmaßnahmen der Städte nicht unbedingt zu mehr Gewaltkriminalität führen. Vollständig ausschließen lässt sich das aber nicht. Die Forschenden sprachen sich jedenfalls dafür aus, Straßenbeleuchtungsmaßnahmen in der nationalen und lokalen Kriminalpräventionspolitik zu etablieren und weitere Forschungsarbeiten durchzuführen.

Straßen mit „intelligenten“ Alternativen beleuchten

Zu ähnlichen Erkenntnissen kam auch die Kriminologin Pia Struyf von der Vrije Universiteit Brussel bei ihrer Literaturrecherche. Die Studien aus Großbritannien und den USA, die sie 2020 ausgewertet hatte, legten nahe, dass Straßenbeleuchtung die Kriminalitätsrate senken und die Angst vor Gewaltverbrechen verringern kann. Die Forscherin stellte in ihrer Arbeit zudem klar: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen reduzierter Straßenbeleuchtung und einem Anstieg der Kriminalität.“ Wenngleich sie deutlich machte, dass die Literatur hierzu begrenzt sei.

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Es gibt allerdings eine nicht unrelevante Einschränkung bei Strufys Forschungsarbeit, und auch bei der schwedischen Metaanalyse. Beide Studien berücksichtigten nicht den Effekt von „intelligenten“ Alternativen bei der Straßenbeleuchtung – also zum Beispiel Laternen, die sich erst dann einschalten, wenn eine Person vorbeigeht.

Eine solche Technik kommt beispielsweise in Darmstadt zum Einsatz. Dort wurden ein Radweg in der Stadt und eine bereits fertiggestellte Teilstrecke des Radschnellwegs Frankfurt – Darmstadt mit speziellen Sensoren ausgestattet: Die Lampen reagieren auf Bewegung und werden heller, wenn ein Radfahrer oder Fußgänger vorbeikommt, und dunkeln danach wieder ab. Diese Art der Straßenbeleuchtung wäre eine Möglichkeit, um zu zeigen: Energie sparen muss nicht immer auf Kosten des Sicherheitsempfindens gehen.

RND/lb/dpa

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