Tochter vom Ex-Partner missbraucht: “Sie konnte es einfach nicht aussprechen”

Geht es um sexuelle Gewalt, stammen die Täter oftmals aus dem Umfeld der Betroffenen.

Geht es um sexuelle Gewalt, stammen die Täter oftmals aus dem Umfeld der Betroffenen.

Leipzig. 43 Kinder werden in Deutschland täglich Opfer sexualisierter Gewalt, sagt das Bundeskriminalamt. Die Dunkelziffer ist noch viel höher. Denn viele junge Menschen sprechen nicht über das, was ihnen passiert, und gehen auch nicht zur Polizei. Aus Scham, Angst oder weil sie vergessen wollen, was geschehen ist.

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Christina Oberbach (41) aus Leipzig zuckt zusammen, wenn sie in den Medien von sexuellen Übergriffen liest. Denn ihre Tochter Marilena (21) zählt zu ihnen. Sie wurde in ihrer Jugend über einen längeren Zeitraum von dem Lebenspartner ihrer Mutter missbraucht. Noch heute leidet sie darunter.

Während Christina arbeitet, missbraucht ihr Partner Marilena

“Ich habe nichts gemerkt”, sagt Christina Oberbach. Eigentlich heißt sie anders, wie auch ihre Tochter. Beide möchten anonym bleiben. Es geht ihr nicht aus dem Kopf. Wie konnte ich nichts merken? Wie konnte das passieren? Was habe ich falsch gemacht?

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Christina arbeitet damals im Schichtbetrieb in einem Krankenhaus in Leipzig. Sie ist glücklich, dass sie einen Partner hat, der sich um ihre Tochter kümmert, wenn sie Dienst hat. “So gab es nie Probleme mit meinen Kollegen, ich konnte auch Nachtschichten übernehmen”, erklärt sie. Wenn sie auf der Arbeit ist, vergeht sich ihr Freund an ihrer damals elfjährigen Tochter. Wenn Christina daran denkt, kommen Bilder und gleichzeitig Tränen hoch. Es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen.

Tochter begibt sich in eine Psychiatrie

Es ist noch nicht besonders lange her, als sie davon erfahren hat. Seit zwei Jahren weiß sie von dem sexuellen Missbrauch. Marilena wohnt damals in Hoffenheim, für ihre Ausbildung hat sie ihre Heimat verlassen. Aus einer Psychiatrie ruft sie ihre Mutter an und sagt, dass es ihr nicht gut geht.

“Mein erster Gedanke war, dass ich irgendwas verkehrt gemacht habe, dass sie einen Schaden davongetragen hat.” Christina erklärt, dass sie noch sehr jung war, als sie ihrer Tochter auf die Welt brachte. 20 Jahre alt. “Mama, es hat nichts mit dir zu tun”, habe Marilena zu ihr gesagt und damit versucht, ihr diese Angst zu nehmen. Am Telefon könne sie ihr aber nicht sagen, was los ist.

Sie konnte es einfach nicht aussprechen.

Christina Oberbach aus Leipzig

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Erst Monate später bringt es Marilena übers Herz, von der schlimmen Erfahrung zu erzählen. Damals ist sie erneut in einer psychiatrischen Klinik, diesmal in der Heimat. “Wir sagen uns sonst einfach alles. Es gibt keine Geheimnisse, wir haben ein super Verhältnis”, sagt Christina über die Beziehung zu ihrer Tochter. Doch bei diesem Thema ist es anders. “Sie konnte es einfach nicht aussprechen.”

Lebensgefährte nutzt Vertrauen schamlos aus

In Anwesenheit einer Therapeutin bricht Marilena ihr Schweigen. “Es war, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen wegzieht”, erinnert sich Christina. Währenddessen streichelt ihre Tochter ihre Hände. Immer und immer wieder spielt sie die damalige Lebenssituation durch. “Wie konnte ich nichts merken?”

Einzelheiten erfährt sie nicht. Dass der Täter ihr Ex-Freund ist, macht es für Christina besonders schwer. “Auf der einen Seite ist der Vertrauensbruch gegenüber meiner Tochter. Doch auch mein Vertrauen hat er missbraucht. Das ist ein unerträgliches Gefühl.”

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In manchen Situationen sei ihr aufgefallen, dass ihr Ex sehr streng zu Marilena war. “Ich dachte aber immer, er habe eine falsche Vorstellung davon, wie es ist, Vater zu sein. Er war jünger als ich. Ich habe ihm dann klar gemacht, dass er es nicht übertreiben und mir die Erziehung überlassen soll”, sagt sie.

Marilena leidet noch heute unter Missbrauch

Wie es ist, sexuell missbraucht zu werden, hat Christina vor elf Jahren selbst erfahren müssen. Auf dem Heimweg wurde sie überfallen und vergewaltigt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hat Marilena ihren Peiniger nicht angezeigt. Noch nicht. Immer wieder spricht sie mit Christina darüber. Mittlerweile habe ihr Ex-Freund selbst eine Tochter, eine neue Familie. Schon alleine, um seine jetzige Tochter zu schützen, sei eine Anzeige unumgänglich, findet Christina.

“Momentan ist es aber wichtig, dass es Marilena wieder besser geht. Sie schließt bald ihre Ausbildung ab. Ich dränge sie nicht”, sagt Christina. Die junge Frau leide unter Depressionen, Flashbacks und einer Sozialphobie. In ihrer Jugend habe sie keine psychischen Probleme gehabt. “Sie hat es versucht zu verdrängen”, vermutet ihre Mutter.

Hohe Dunkelziffer bei Missbrauchsopfern

15.701 Fälle von sexueller Gewalt gegenüber Kindern gab es deutschlandweit im vergangenen Jahr. Das sagt zumindest die Kriminalitätsstatistik. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches größer, vermuten Experten. Seit Bekanntwerden zweier Fälle schweren Kindesmissbrauchs in Münster und Bergisch Gladbach diskutiert die Koalition über härtere Strafen.

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Es kommt häufig vor, dass Mädchen und Jungen, die sexuell missbraucht wurden, die Erlebnisse verdrängen.

Tanja von Bodelschwingh, Sozialpädagogin

Fälle wie der von Marilena begegnen Tanja von Bodelschwingh oft. Die Sozialpädagogin arbeitet für das Hilfetelefon sexueller Missbrauch, ein Angebot der Bundesregierung. “Es kommt häufig vor, dass Mädchen und Jungen, die sexuell missbraucht wurden, die Erlebnisse verdrängen. Erstmal funktionieren sie und haben zeitweise auch das Gefühl, die Geschehnisse gut aushalten zu können.” Sobald sie sich sicher fühlen oder einer neuen Belastungssituation ausgesetzt sind, käme das Erlebte jedoch oftmals hoch. So wie bei Marilena, die mitten in ihrer Ausbildung ist, als sie die schrecklichen Erinnerungen einholen.

Hilfetelefon unterstützt und berät Missbrauchsopfer

Die Hilfesuchenden haben unterschiedliche Anliegen. “Manche rufen an, um einfach zu erzählen und ihre Gedanken zu sortieren. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Wir hören ihnen zu, geben Informationen und wägen gemeinsam ab, was der nächste Schritt sein kann. Wir versuchen, Orientierung zu geben”, erklärt von Bodelschwingh.

Dazu gehören etwa Informationen zu Strafanzeigen, Therapie- und Hilfsangeboten. Die beratenden Personen kennen sich im deutschen Hilfesystem gut aus und haben Kontakt zu regionalen Fachberatungsstellen, die mit juristischen und psychotherapeutischen Fachkräften vor Ort vernetzt sind. Die Beratung läuft anonym, ausschließlich telefonisch oder per Mail. Die Telefonate können bis zu einer Stunde dauern. “Es kommt darauf an, um was es geht. Wir schauen sehr individuell, welche Unterstützung die Ratsuchenden brauchen”, sagt die Sozialpädagogin.

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Messengerberatung soll bald möglich sein

Etwa 50 Prozent der Kontaktsuchenden sind Erwachsene, die in ihrer Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erfahren mussten. “Kinder rufen so gut wie gar nicht an, Jugendliche kaum. Diese schreiben uns lieber.” Deshalb soll es künftig eine Messengerberatung geben. “Die anderen Anrufenden sind Erwachsene, die sich Sorgen um ein Kind machen, einen Verdacht schildern und nicht wissen, was sie tun sollen.”

Die Zahlen der Menschen, die beim Hilfetelefon anrufen, sind seit April kontinuierlich angestiegen. “Viele Fälle sind in den Medien öffentlich geworden und hinzu kam der Corona-Lockdown”, sagt die Beraterin. Während im Januar 545 Menschen versucht haben, das Hilfetelefon zu kontaktieren, waren es im Juli etwa 1000 Anrufende.

Die Täter und Täterinnen sind Menschen aus dem sozialen Umfeld der Kinder.

Tanja von Bodelschwingh, Sozialpädagogin

Zwei Drittel aller Vergewaltigungen finden – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – zu Hause, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz statt. “Die Täter und Täterinnen sind Menschen aus dem sozialen Umfeld der Kinder. Oft sind es Personen, die besonderes Vertrauen der Kinder und ihrer Eltern genießen”, sagt von Bodelschwingh. Das zeigt auch die Anrufstatistik: “In unseren Telefonaten geht es am häufigsten um familiären Missbrauch gefolgt von Missbrauch in Institutionen.”

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Dass Elternteile nicht mitbekommen, dass das eigene Kind etwa innerhalb der Familie missbraucht wird, komme öfter vor. “Täterstrategien sind hoch manipulativ”, sagt die Sozialpädagogin. Letztlich sei es wichtig, auf Verhaltensänderungen beim Kind Acht zu geben.

Hier finden betroffene Personen und ihre Angehörigen Hilfe

Fachberatungsstellen vor Ort und eine umfassende bundesweite Datenbank ist www.hilfeportal-missbrauch.de, für betroffene Frauen gibt es die Hilfe-vor-Ort-Suche. Es gibt zudem umfassende Frauenberatungsstellen, die allen möglichen, auch gerade erwachsenen betroffenen Frauen Hilfe anbieten: www.frauen-gegen-gewalt.de. Fachberatungsstelle für Männer, die in ihrer Jugend oder Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben, inklusive Adressliste mit Beratungsstellen vor Ort ist www.tauwetter.de.

RND


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