Was ist Herdenimmunität – und warum ist sie für Covid-19 derzeit keine gute Strategie?

Soldaten und private Auftragnehmer helfen bei den Vorbereitungen im Ausstellungszentrum ExCel-Center, das zu einem provisorischen Krankenhaus umgebaut wird.

Soldaten und private Auftragnehmer helfen bei den Vorbereitungen im Ausstellungszentrum ExCel-Center, das zu einem provisorischen Krankenhaus umgebaut wird.

Die Corona-Krise ist eine gigantische Herausforderung. Jeder Tag, an dem die Menschen daheim bleiben, nicht zur Arbeit gehen, sich nicht mit ihren Verwandten und Freunden treffen können, nicht verreisen, ist eine Belastung. Ganz sicher für die Wirtschaft, aber auch bei vielen Menschen für die Psyche. Und auch wenn immer wieder beteuert wird, dass die Maßnahmen nur so lange gelten sollen, wie es absolut nötig ist, gibt und gab es Stimmen, die fragen: Sind sie überhaupt nötig? Gibt es keine Alternative?

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Ein Vorschlag, der dabei ins Spiel gebracht wird, ist das Konzept der Herdenimmunität. Was hat es damit auf sich?

Was ist Herdenimmunität?

Von Herdenimmunität spricht man, wenn ein Erreger sich nicht mehr wirklich in einer Population verbreiten kann. Das passiert, wenn sehr viele Menschen bereits immun dagegen sind. In so einem Fall gelangt etwa ein Virus nicht mehr zu genügend Menschen, die es infizieren kann. Eine infizierte Person schafft es in der Regel nicht, jemanden zu “finden”, den sie infizieren könnte. Auf diese Weise ist es sogar bereits gelungen, Krankheiten, wie zum Beispiel die Pocken, auszurotten.

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Um das zu erreichen, müssen nicht ausnahmslos alle Menschen immun sein – nur ausreichend viele. Das ist ein großer Vorteil der Herdenimmunität: Sie bietet einen indirekten Schutz für Menschen, die nicht immun sind. Wie viele Menschen immun sein müssen, damit dieser Effekt eintritt, hängt unter anderem davon ab, wie ansteckend ein Virus ist. Also von der Frage: Wie viele Menschen steckt ein Infizierter im Durchschnitt an? Bei Masern etwa reicht es nicht aus, wenn weniger als 90 Prozent der Bevölkerung immun sind. Es gibt aber auch Viren, für die es keinen Herdenimmunitäts-Effekt gibt, zum Beispiel weil sie sich schnell verändern.

Wie entsteht eine Herdenimmunität?

Damit ein Mensch immun gegen einen Erreger wird, gibt es grob gesagt, zwei Möglichkeiten: Entweder er erlebt (und überlebt) eine Infektion oder er wird geimpft. Eine Immunität kann dabei auch nur zeitweise bestehen. Dann müssen Impfungen zum Beispiel wiederholt werden.

Herdenimmunität erzeugt man in der Regel durch Impfungen, so wie zum Beispiel im Fall der Masern. Dabei hat man den Vorteil, dass der Impfstoff getestet und kontrolliert wurde. Herdenimmunität kann aber auch dadurch entstehen, dass sich sehr viele Menschen mit einem Erreger infiziert haben.

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Herdenimmunität und Covid-19

Für das neuartige Coronavirus gibt es noch keinen Impfstoff. Das heißt, die Erzeugung einer Herdenimmunität wäre zum derzeitigen Zeitpunkt nicht kontrolliert möglich, sondern nur dadurch, dass sich sehr, sehr viele Menschen mit dem Virus infizieren. Wie viele das sein müssten, das ist derzeit noch nicht eindeutig. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit geht aber gegenüber dpa davon aus, dass für ein natürliches Abflauen eine Durchseuchung von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung nötig sei.

Das dramatische Problem: Bei diesen Überlegungen kann man nicht außer Acht lassen, wie viele Menschen an einer Infektion mit Sars-CoV-2 sterben würden. Derzeit ist noch unklar, wie tödlich eine Infektion mit Sars-CoV-2 ist. Grob könne man nach Ansicht des Wissenschaftsjournalisten Kai Kupferschmidt derzeit in Deutschland nach heutigem Kenntnisstand und unter Einbezug verschiedener Faktoren eine Sterblichkeitsrate von 0.5 bis 1 Prozent annehmen. Heißt: Auf eine Million Infizierte kämen demnach 5000 bis 10.000 Tote. Das darf niemand wollen oder fordern.

Doch das ist nicht das einzige Problem einer unkontrollierten Ausbreitung mit dem Ziel einer Herdenimmunität. Hinzu kommen die vielen, vielen Menschen, die in Krankenhäusern aufgenommen und behandelt werden müssen. Die Folgen wären gravierend: Krankenhäuser, die von diesen Zahlen völlig überrannt werden würden, Menschen, die nicht mehr versorgt würden. Um es einfach zu sagen: Die Vorstellung, man könnte einfach so die Pandemie “über sich ergehen” lassen, ist wahnsinnig.

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Nur die Jungen sollen sich infizieren?

Als vermeintliche Alternative wird derzeit vorgeschlagen, dass man Ältere und Risikopatienten isolieren und dann mehr Infektionen von jungen Menschen in Kauf nehmen sollte. Das könne dafür sorgen, dass eine schützende Herdenimmunität schneller entsteht, so der Gedanke. Der Infektiologe Prof. Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover sagt dazu: “Das ist unethisch, weil es auch unter den Jungen schwere Verläufe gibt.” Diese sind zwar selten, kommen aber durchaus vor.

Außerdem ist unklar, ob man wirklich verhindern kann, dass sich Ältere und Risikopatienten nicht infizieren.

Zudem ist auch überhaupt nicht gesichert, dass diese Maßnahme ausreichen würde, um die Krankenhäuser nicht trotzdem völlig zu überlasten. Eine Studie des Imperial London College etwa geht davon aus, dass nur das social distancing von Älteren und weiteren Risikogruppen und der Quarantäne von Infizierten und ihren Angehörigen, in Großbritannien Hunderttausende Tote und eine vielfache Überforderung des Gesundheitssystems zur Folge hätten.

Und schließlich ist über die Langzeitfolgen einer Coronavirus-Infektion bisher nichts bekannt. In diesem Kontext unbedarft die Infektion von Millionen in Kauf zu nehmen, könnte gefährlich sein.

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Also keine Herdenimmunität?

Tatsächlich wird mit den derzeitigen Maßnahmen eine Herdenimmunität erst einmal nicht entstehen. Das ist auch nicht das Ziel. Das derzeitige Ziel ist es, die Verbreitung des Virus zu unterdrücken. Die meisten Staaten verfolgen dazu eine Strategie, die sich “Hammer und Tanz” nennt: erst starke Maßnahmen, dann schrittweise Lockerung – möglicherweise über einen sehr langen Zeitraum. In diesem Kontext, also quasi als Teile einer Exit-Strategie, könnte es auch sinnvoll sein, die Maßnahmen für Jüngere zuerst zu lockern.

Doch was richtig ist: Solange nicht ein Großteil der Bevölkerung immun ist, kann sich das Virus immer wieder ausbreiten. “Sobald die Maßnahmen gelockert sind, geht die Reproduktionszahl wieder auf den ursprünglichen Wert zurück und die Ausbreitung verläuft wie vor den Maßnahmen. Das ändert sich erst, wenn ein substanzieller Teil der Bevölkerung immun geworden ist”, sagt Mirjam Kretzschmar von der Universitätsmedizin Utrecht. Ein Impfstoff könnte das ändern.



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