Zwei Jahre Corona-Schulpause in Uganda: Zahl der Teenagerschwangerschaften drastisch gestiegen

Schüler nehmen nach der Wiedereröffnung der Schulen am Unterricht in der Kitante Grundschule in Ugandas Hauptstadt Kampala teil. Der Schulbetrieb war für 83 Wochen während der Corona-Pandemie ganz oder teilweise unterbrochen.

Schüler nehmen nach der Wiedereröffnung der Schulen am Unterricht in der Kitante Grundschule in Ugandas Hauptstadt Kampala teil. Der Schulbetrieb war für 83 Wochen während der Corona-Pandemie ganz oder teilweise unterbrochen.

Erster Schultag nach fast zwei Jahren: Im Januar öffneten in Uganda die Schulen wieder. 83 Wochen waren sie wegen der Corona-Pandemie geschlossen – so lange wie in keinem anderen Land weltweit. Von den rund 15 Millionen schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen kamen nicht alle zurück in den Unterricht. Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften stieg drastisch, nach Angaben der ruandischen Zeitung „Taarifa“ kehrten „Hunderttausende Mädchen schwanger in ihre Schulen zurück.“ Auch viele Lehrer blieben fern, weil sie sich neue Jobs suchten. Über diese und weitere Folgen des Schul-Lockdowns in dem ostafrikanischen Land sprach das RND mit Elisabeth Leitner, als Projektmanagerin Ost- und südliches Afrika des Kinderhilfswerks World Vision ist sie auch zuständig für Uganda.

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Wie lief der Schulstart nach fast zwei Jahren Unterbrechung?

Elisabeth Leitner: Es ging sehr zögerlich los – und das auch nur auf massiven Druck von Unicef, World Vision und anderen Nichtregierungsorganisationen. Die ugandische Regierung hätte am liebsten noch abgewartet und wollte die Schulen erst dann wieder öffnen, wenn alle Lehrer geimpft sind. Das aber hätte wohl noch Monate gedauert. Vollständig geimpft sind gerade einmal 4 Prozent der ugandischen Bevölkerung. Bei den Lehrern liegt die Zahl zwar deutlich höher, geimpft sind aber noch längst nicht alle.

Sind denn alle Kinder zurück in den Klassenräumen?

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Nein, viele Eltern haben erst einmal abgewartet, weil sie nicht sicher waren, ob die Schulen wirklich wieder öffnen würden. In den vergangenen Monaten hatte es ein paar Mal geheißen, es gehe wieder los. Dann war es aber doch nicht so gekommen. Außerdem wurden die Eltern von vielen Privatschulen aufgefordert, das Schulgeld vorab für ein Trimester zu zahlen. Das jedoch können sich viele nach zwei Jahren Pandemie nicht leisten. Tatsächlich wird befürchtet, dass bis zu 3500 Grundschulen gar nicht wieder öffnen – weil sie ihre Lehrer nicht mehr bezahlen konnten oder einfach kein Personal mehr hatten.

Was ist mit den Lehrern geschehen?

Sehr viele Schulen in Uganda sind privat, sie konnten die Lehrkräfte oft nicht weiterbezahlen. Die haben sich dann eben andere Jobs gesucht. Sie arbeiten jetzt beispielsweise in der Landwirtschaft oder verdingen sich als Motorradtaxifahrer.

Gab es in den zwei Jahren irgendein Bildungsersatzprogramm für die Kinder?

Nur etwa 5 bis 10 Prozent der Schüler konnten in irgendeiner Form weiter lernen oder hatten Distanzunterricht. Und das auch eher in der Metropole Kampala. Die Regierung hat die Schüler aufgefordert, über TV und Radio zu lernen, dafür wurden eigens Programme gesendet. Aber in den ländlichen Gebieten des Nordens haben 80 Prozent der Familien weder Fernseher noch Radio. Hinzu kommt: Die Familien haben im Schnitt fünf bis sechs Kinder unterschiedlichen Alters – wie sollen sie gemeinsam lernen?

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Elisabeth Leitner ist beim Kinderhilfswerk World Vision Projektmanagerin für Ost- und südliches Afrika.

Elisabeth Leitner ist beim Kinderhilfswerk World Vision Projektmanagerin für Ost- und südliches Afrika.

Während der Pandemie sind die Einkommen in Uganda um über 60 Prozent gesunken, gleichzeitig waren die Schüler zu Hause, die nun mit verpflegt werden mussten. Welche Folgen hatte das?

Viele Kinder in Uganda besuchen Internatsschulen. Das bedeutet auch eine strukturelle Sicherheit für die Schüler. Die Kinder haben einen straffen Tagesablauf, bekommen zu essen und sind geschützt vor familiären Schwierigkeiten – das heißt auch, dass sie hier sicher sind vor Übergriffen, weil sich viele Mädchen einen gemeinsamen Schlafraum teilen. Jetzt, in der Zeit des Lockdowns, ist die Zahl der Teenager-Schwangerschaften drastisch angestiegen. Man geht von 90.000 zusätzlichen Schwangerschaften aus, ein Plus von fast 20 Prozent. Für viele Kinder war die Zeit der Isolation also traumatisch.

Warum hat die Regierung die Schulen nicht schneller wieder geöffnet? Immerhin sind die Infektionsraten im internationalen Vergleich gering.

Im September 2020 wurden die Schulen für Abschlussklassen kurz geöffnet – das hat die Corona-Zahlen im Land nach oben getrieben, sagt jedenfalls die Regierung. Außerdem hat die Regierung eben immer wieder behauptet, sie wolle warten, bis alle Lehrer geimpft sind. Man muss wissen, dass es in Uganda nur 55 Intensivbetten gibt, also 1,3 Intensivbetten pro eine Million Einwohner. Dass hier bereits geringe Fallzahlen schlimme Folgen haben können – zusätzlich zu dem Problem, dass sich ein Großteil der Bevölkerung sowieso keine Intensivbehandlung leisten kann – stellte die Entscheidungsträger in Uganda vor eine schwierige Wahl.

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Wie werden sich die Schulschließungen langfristig auf das Land und die Schüler auswirken?

Die Armutsbekämpfung in Uganda wurde in der Pandemie um Jahre zurückgeworfen. Viele Menschen standen von einem Tag auf den andere ohne Einkommen da, die Reserven sind aufgebraucht. Das hat fatale Folgen für die Ernährung von Kleinkindern in einem Land mit hohem Bevölkerungswachstum. Es werden sich wieder mehr Menschen mit prekären Jobs über Wasser halten müssen. Die Gefahr besteht, dass viele Kinder gar nicht mehr zurückkehren werden in die Schulen – erst recht, wenn sie schwanger sind oder bereits Kinder geboren haben.

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