Vom Auslaufmodell zum Schlüsselspieler: Goretzkas Weg zurück ins Rampenlicht
Abgefälschter Schuss und drin - das zwischenzeitliche 3:1 gegen den 1. FC Heidenheim. Ein unspektakulärer Treffer. Kein Grund auszuflippen für einen Spieler des FC Bayern München bei einem Heimsieg in der Fußball-Bundesliga (Endstand 4:2) gegen einen Underdog. Für Leon Goretzka schon. Der Mittelfeldspieler klatschte vergangenen Samstag erst mit zwei Mitspielern ab und nahm plötzlich noch mal Anlauf, lief ein paar Schritte auf die Südkurve zu und zeigte die Faust samt Jubelsprung. Da waren die meisten Teamkollegen längst auf dem Weg zum Anstoßkreis. Es war Goretzka ein Bedürfnis, zu zeigen: Ich war’s! Ich bin wieder da! Oder anders: Hey, Leute! Ich bin immer noch hier! Und zwar auf dem Platz. Keine Selbstverständlichkeit – im Gegenteil. Seine kontinuierlichen Startelf-Einsätze der letzten Wochen sind eine dicke Überraschung, wenn man sich die Geschichte des Leon Goretzka im Jahr 2024 vor Augen führt.
Auch der Bundestrainer setzt nicht mehr auf den einstigen Mittelfeldmotor
Von Bundestrainer Julian Nagelsmann war der zentrale Mittelfeldspieler schon im Frühjahr aussortiert worden, ab den März-Länderspielen gehörte er nach 57 Einsätzen (14 Tore) nicht mehr zum DFB-Kader. Die so emotionale Heim-EM musste Goretzka mit zweierlei Gefühlen aus der Ferne beobachten: voller Empathie für die Teamkollegen, gepaart mit einer großen Portion Wehmut. Nicht dabei sein, wenn die anderen, die doch eben noch Mitspieler im Nationaltrikot waren, Erfolge feiern. Man schickt Nachrichten, gratuliert. Und doch tut es weh.
Im August galt der 29-Jährige gar als einer der Streichkandidaten, die der FC Bayern im Sommer-Transferfenster für eine hübsche Ablösesumme gerne verkauft hätte. Hinter Vize-Kapitän Joshua Kimmich, Eigengewächs Aleksandar Pavlovic, Neuzugang Joao Palhinha und Allzweckwaffe Konrad Laimer war Goretzka nur noch die Nummer fünf im Ranking des zentralen Mittelfelds. Doch der gebürtige Bochumer, seit 2018 in München, wollte nicht weg. Er blieb trotz der deutlichen Signale des neuen Trainers Vincent Kompany: ein Stammplatz auf der Ersatzbank, zwei Mal reichte es sogar nicht einmal für den 20er-Kader. Doch Goretzka blieb stur. Ohne zu murren, ohne in der Öffentlichkeit ein böses Wort darüber zu verlieren. Das rechnet ihm Kompany hoch an, das weiß man auf den Fluren an der Säbener Straße sehr zu schätzen.
Spiel auf St. Pauli brachte die Wende
Als Goretzka Anfang November beim 1:0 der Bayern beim FC St. Pauli in dieser Saison erstmals in der Startelf stand, erklärte Kompany diese kleine Sensation als sei es das Normalste der Welt: „Wir haben keine Sekunde an seinen Qualitäten gezweifelt. Deshalb ist es für mich eine ganz normale Entscheidung, eine logische Entscheidung.“ In der anschließenden Länderspielpause, für Goretzka neuerdings eine Zwangspause, verschoben sich die Koordinaten. Als sich Pavlovic nach einem Schlüsselbeinbruch in der Reha befand, erlitt dessen Ersatz Palhinha einen Muskelbündelriss im Adduktorenbereich. Der nächste längere Ausfall. „Uns tut jeder Verletzte weh“, meinte Kimmich, „aber wir müssen die Qualität im Kader haben, um so etwas aufzufangen.“ Sie haben die Qualität. Sie haben Goretzka. Was für eine 180-Grad-Kehrtwende. Vom Auslaufmodell, dem von den Bossen nahegelegt wurde, den Verein zu verlassen, zum Retter in der Not, zum Schlüsselspieler im zentralen Mittelfeld. So ist das Geschäft Profifußball. Wahnsinnig schnelllebig. In Personal- und Transferfragen können sich die Dinge wöchentlich, von Spiel zu Spiel, ändern.
Seit St. Pauli hat Goretzka fünf der sechs Pflichtspiele von Beginn an bestritten, hat seine Leistung gebracht als wäre nichts gewesen. Auch beim 5:1 in der Champions League gegen Schachtar Donezk, ausgetragen auf Schalke, seiner ehemaligen Heimspielstätte. Und das obwohl Pavlovic wieder fit ist. Auch an diesem Samstag beim FSV Mainz (15.30 Uhr, Sky) wird Goretzka gebraucht. Ein schönes Gefühl. Dass er trotz der Degradierung wie selbstverständlich performt, gefällt Sportdirektor Christoph Freund: „Das sagt viel aus über einen Menschen, einen Charakter. Wir haben im Sommer mit Leon gesprochen und ihm gesagt, dass es schwierig werden wird, weil der Kader so ist, wie er ist. Er hat gesagt, er will sich der Konkurrenz stellen.“ Gesagt, getan. Geglückt. Der gut gebaute Goretzka ist das bayerische Stehaufmannsbild.
Vertrag läuft noch bis 2026
Als Kind des Ruhrgebiets definiert er sich als Arbeiter. Die Mitspieler kennen ihn als ehrliche Haut. Als einen, der viel über seinen Beruf und das Fußball-Business nachdenkt, der alles um sich herum scannt und seine Situation reflektiert. Wodurch ihm hin und wieder die Leichtigkeit zu fehlen scheint. In schwierigen Momenten spiegelt sich eine Prise Melancholie in seinem Gesicht wider.
Zur Wahrheit von Goretzkas Hartnäckigkeit gehört auch, dass er zu einem der Bestverdiener im Kader der Münchner gehört. Sein Vertrag läuft bis 2026. Das Salär, das er in dieser Höhe im Herbst seiner Karriere woanders eher nicht mehr erhalten wird, hemmt etwaige Fluchtgedanken. Dennoch hat Goretzka nun seinen Berater gewechselt und lässt sich künftig von der Agentur ROOF vertreten. In der Winterpause die Bayern zu verlassen, ist keine Option für ihn. Angebote aus Neapel und von Tottenham Hotspur interessieren ihn nicht. Kommenden Sommer wollen er und der Verein die Situation neu bewerten. Man weiß ja nie.