Nordklub steckt wieder in der Krise

Die Unaufsteigbaren: Wie der Hamburger SV zum Zweitliga-Dino wurde

Aktuell im Formtief: Zweitligist Hamburger SV droht abermals den Aufstieg in die Bundesliga zu verpassen.

Auf den menschlichen Körper kann der Hamburger SV immer noch die gleiche Wirkung entfalten wie früher, trotz allem. Stefan Kuntz berichtete bei seinem Antritt als Sportvorstand im Mai, dass er Gänsehaut bekommen habe bei der Kontaktaufnahme des Vereins, sein Herz habe „geblubbert“. Er klang damit genau so, wie sich seit Ewigkeiten viele Funktionäre anhören, die ein Amt beim Traditionsklub aus dem Norden annehmen. Stets schwärmen sie von der enormen Größe, der speziellen Aura, der Einzigartigkeit des HSV.

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In der Tat hatten die Hamburger lange Zeit eine besondere Stellung im deutschen Fußball: Sie waren der Bundesliga-Dino, das letzte verbliebene Gründungsmitglied im Oberhaus. Doch dieser Status ist längst revidiert. Seit über sechs Jahren gehört der Klub der zweiten Liga an, länger als jeder andere Verein in dieser Spielklasse. Wann die Rückkehr in die Bundesliga gelingt – ob sie überhaupt jemals gelingt: so unklar wie das Hamburger Wetter im November.

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HSV in der Krise: Die Tendenz ist besorgniserregend

Im Duell der abgestürzten Großklubs gegen den FC Schalke 04 an diesem Samstag (20.30 Uhr/Sport1 und Sky) ist der HSV zwar nur der zweitgrößte Sorgenfall (Schalke hat nur zwei Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz), trotzdem ist die Lage mal wieder kritisch bei den Hamburgern. Vier Spiele nacheinander konnte der Verein vor der Länderspielpause nicht gewinnen. Es gab ein Remis und drei Niederlagen – zuletzt ein 1:3 beim Tabellen-Vorletzten Eintracht Braunschweig. Vor dem Start des 13. Spieltags betrug der Rückstand des Ranglisten-Fünften HSV auf einen Aufstiegsplatz zwar nur zwei Punkte. Doch die Tendenz ist besorgniserregend.

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Der seit Februar amtierende Trainer Steffen Baumgart steht unter erhöhter Beobachtung, nicht erst seit den jüngsten Niederlagen. Er kassierte schon nach der abgelaufenen Saison viel Kritik, als der HSV den Aufstieg – nach Punkten – deutlich verpasste und zudem die Demütigung ertragen musste, dass der Stadtrivale FC St. Pauli Zweitliga-Meister wurde und in Holstein Kiel ein zweiter, dem HSV in Sachen Geschichte, Finanzkraft und Fan-Zuspruch deutlich unterlegener Nord-Klub in die Bundesliga befördert wurde.

Unter Druck: Auch Trainer Steffen Baumgart konnte dem HSV bisher keine Stabilität vermitteln.

Trotzdem durfte Baumgart bleiben. Wer erwartet hatte, dass mit dem neuen Sportvorstand Stefan Kuntz als Nachfolger des fünf Jahre amtierenden Jonas Boldt ein radikaler Kurswechsel erfolgen würde, sah sich getäuscht. Die Strategie des Europameisters von 1996 scheint eher die Fortführung des Bekannten zu sein.

Krise beim HSV hat mehrere Ursachen

Kenner werfen dem HSV vor, sich in einer Wohlfühlzone eingerichtet zu haben, schlechte Leistungen schönzureden und damit eine Kultur zu schaffen, die einer Bundesliga-Rückkehr im Weg steht. Dazu passt exemplarisch Baumgarts Analyse nach der Niederlage zuletzt in Braunschweig. Er beklagte individuelle Fehler und Traumtore des Gegners, klang aber nicht besorgt über den Gesamtzustand. Er lobte sogar das Aufbäumen seiner Fußballer gegen Ende der Partie, als würde er einen Außenseiter aus der Provinz trainieren, nicht die – laut dem Datenportal transfermarkt.de – drittwertvollste Mannschaft der zweiten Liga hinter dem 1. FC Köln und Hertha BSC, die bei ihrer Arbeit nach wie vor von beeindruckenden Fan-Massen unterstützt wird.

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Die Gründe für die Negativserie der vergangenen Wochen sind verschieden und hängen auch mit vermeintlichen Führungsspielern zusammen. Kapitän Sebastian Schonlau zum Beispiel befindet sich im Formtief, Torjäger Robert Glatzel ist verletzt und fällt länger aus. Rätselhafte Leistungsschwankungen machen dem HSV zu schaffen. Starken Auftritten, unter anderem gegen den Aufstiegskonkurrenten Fortuna Düsseldorf, folgen triste Darbietungen. Die mangelnde Konstanz verfolgt die Hamburger seit Jahren, und irgendwie passt dieses Hin und Her, dieses Auf und Ab, zum neuen Status des HSV als Klub zwischen den Welten: der immer noch gefühlte Bundesligist ist mittlerweile Zweitliga-Dino.