Taiwans neue Angst vor Trump
Tokio. Mitte Februar wurde bei der Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation – besser bekannt unter der Abkürzung TSMC – Firmengeschichte geschrieben. Erstmals im 38-jährigen Bestehen des Chipherstellers wurde ein Meeting der Unternehmensführung nicht mehr im Heimatland Taiwan abgehalten, sondern im US-Bundesstaat Arizona. Schließlich hatte TSMC dort um die 65 Milliarden US-Dollar investiert, um drei große Halbleiterfabriken zu bauen. Seitdem fragt man sich: Was wird noch alles kommen?
Wird TSMC – der weltweit mit großem Abstand führende Fertiger der anspruchsvollsten Chips – seine Produktion immer mehr aus Taiwan abziehen und diese in andere Länder verlagern? War die Ortswahl des jüngsten Treffens der Konzernführung nur ein Vorgeschmack? Die Angst geht um in Taipeh.
100 Prozent Zölle auf Halbleiter aus Taiwan
Treiber der Entwicklung könnte ein Mann namens Donald Trump sein, der seit Kurzem wieder Präsident der USA ist und schon in seiner ersten Amtszeit eifrig Strafzölle gegen alle möglichen Staaten verhängt hat. Seit Trumps Amtsantritt Ende Januar müssen Länder, die Produkte in die USA exportieren, wieder in mehreren Branchen Strafzölle fürchten: Dazu gehören neben den Staaten der EU auch China, Japan und Südkorea. Gegenüber Taiwan hat Trump gar Strafzölle von bis zu 100 Prozent auf den bedeutendsten Sektor des Staates angedroht: Halbleiter.
Donald Trump scheint besessen von dem Gedanken, dass möglichst viele Produkte, die man in den USA verarbeitet oder konsumiert, auch in den USA hergestellt werden müssen. So will er Jobs ins Land holen und die USA autark machen – womöglich um den Preis teurerer Herstellungskosten. Um dies zu erreichen, wählt Trump als Maßnahme die Erhebung von Zöllen. Denn so wird der Export eines Produkts in die USA teurer. Verlagert ein Unternehmen aber direkt in die USA, fallen bei der Fertigung eben keine Zölle mehr an.
Dabei ist das Verhalten Donald Trumps für Taiwan viel mehr als nur ein ökonomisches Ärgernis um Standortpolitik. Der Inselstaat vor der Küste Festlandchinas sieht sich in seiner Existenz bedroht. Die von Peking aus regierte „Volksrepublik China“ sieht die „Republik China“ auf der Insel Taiwan als ihr Eigen. Seit Jahren droht Peking immer wieder mit einer Invasion. Ein Grund, der die Machthaber vor einem Angriff zurückschrecken lässt, dürfte die starke Chipindustrie Taiwans sein.
Bislang galt die Chipindustrie als Lebensversicherung Taiwans
Die würde bei einem Angriff auf Taiwan zum Erliegen kommen – was für die Weltwirtschaft schwerwiegende Folgen hätte. Denn Halbleiter – oder Mikrochips – sind in allen möglichen Elektroprodukten enthalten, von Smartphones über Kühlschränke bis hin zu Autos. Und rund die Hälfte der globalen Produktion entfällt auf Unternehmen aus Taiwan, im Segment der anspruchsvollsten Halbleiter liegt der Anteil gar bei etwa 90 Prozent. Auch China braucht die Chips für seine Wertschöpfungsketten.
Daher gilt die Chipindustrie bisher auch als eine Art Lebensversicherung für Taiwan: Ein Angriff wäre für China bis auf Weiteres wohl ökonomisch zu gefährlich. Da sich aber diverse andere Staaten dennoch gegen das Szenario eines chinesischen Angriffs auf Taiwan absichern wollen, haben sie in den vergangenen Jahren versucht, insbesondere den Branchenprimus TSMC zum Bau neuer Fertigungsstätten im Ausland zu bewegen. Deutschland hat mit großen Förderprogrammen eine Fabrik nach Dresden geholt, Japan nach Kumamoto, die USA nach Arizona.
Und neuerliche Strafzölle aus den USA lösen für Taiwans Chiphersteller nun weitere Sogwirkung aus, was Taiwans geopolitische Lage umso prekärer macht. Mehrere Analysten haben schon länger eine weitere Orientierung taiwanischer Industrie ins Ausland erwartet. TSMC aber hat immer wieder erklärt, nach den letzten Investitionen keine weiteren Fabriken in den USA eröffnen zu wollen. Bis zu Beginn dieser Woche.
Der Chiphersteller TSMC macht, was Trump will
Am Montag dann erklärte Donald Trump, dass TSMC nach den bisherigen 65 Milliarden US-Dollar nun noch 100 weitere Milliarden in Fabriken auf US-amerikanischem Boden investieren will. „Dies ist ein enormer Schritt des mächtigsten Unternehmens der Welt“, schwärmte Trump, während er TSMC-Chef C.C. Wei in Washington empfing. In den USA sollen damit Tausende Arbeitsplätze entstehen. Trump hatte im US-Wahlkampf noch behauptet, Taiwan habe der USA ihre Chipindustrie gestohlen. Jetzt holt er sie zurück.
„Es ist eine Frage der ökonomischen Sicherheit“, sagte Trump. Wobei der US-Präsident in dieser Hinsicht vor allem – oder ausschließlich – an die Sicherheit der USA denkt, kaum an jene Taiwans. Der Regierung des ostasiatischen Inselstaats bereitet die Industriepolitik seit Jahren Kopfzerbrechen. Bisher hat TSMC stets argumentiert, dass die anspruchsvollsten Chips weiterhin nur auf taiwanischem Boden produziert würden. So soll auch Taiwans „Halbleiter-Schutzschild“ weiter seine Wirkung behalten.
Wie lang dies nach der jüngsten Verkündung noch seine Gültigkeit hat, ist allerdings unklar.