Zahngesundheit in der Region

Jedes vierte Kita-Kind in Hannover leidet an Karies

Regions-Zahnärztin Petra Schneemann zeigt den Kindern aus der 2D in der Grundschule Brüder Grimm in Letter bei der zahnärztlichen Untersuchung auch, wie richtiges Zähneputzen geht.

Hannover. Der Junge ist gerade einmal vier Jahre alt. Ohne Scheu, ohne jedes Gefühl dafür, dass mit seinen Zähnen etwas nicht stimmen könnte, öffnet er bei der Untersuchung von Zahnärztin Nada Chakar vom Team Zahnärztlicher Dienst und Jugendzahnpflege der Region Hannover den Mund. Der Junge habe nur gesagt, dass er hinten im Mundraum Zahnschmerzen habe, erinnert die 48-jährige Zahnärztin sich. Tatsächlich bietet sein Gebiss aber großen Anlass zu Sorge. Es ist kaum zu übersehen, wie stark seine Milchzähne von Karies angegriffen sind. Auf den Schneidezähnen des Dreijährigen im Oberkiefer sind braun-gelbe Flecken zu sehen. Die Backenzähne sind noch stärker betroffen. Tiefe Löcher haben sich dort in das ursprüngliche Weiß der Zähne eingegraben.

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26,6 Prozent aller Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren wurden wegen Karies behandelt

Der Junge leidet an Nuckelflaschenkaries, einer Sonderform der Karies, die durch das Trinken von zucker- oder säurehaltigen Getränken wie Cola, Fruchtsäften oder gesüßtem Tee aus Nuckelflaschen entsteht. Acht Zähne waren bei ihm befallen, sagt Chakar. Die Konsequenzen sind dramatisch: Kinder mit Nuckelflaschenkaries bekommen nicht nur Zahnschmerzen, Probleme beim Abbeißen und Kauen. Sie lernen oft auch schwerer sprechen. Der Junge ist zudem kein Einzelfall: Laut dem jüngsten Gesundheitsbericht der Region über Kinder im Vorschulalter wurden 26,6 Prozent aller untersuchten Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren schon einmal wegen Karies behandelt oder sollten wegen aktueller Beschwerden einen Zahnarzt aufsuchen. In dem Bericht sind die Ergebnisse zahnärztlicher Untersuchungen von 470 Kindertagesstätten in Hannover und Umland zusammengefasst. Besonders besorgniserregend: Im Schnitt haben die von Karies betroffenen Dreijährigen mehr als vier kariesgeschädigte Zähne. Die Nuckelflaschenkaries, die etwa die Hälfte der Fälle ausmacht, kann, so Chakar, teilweise nur noch in Vollnarkose behandelt werden.

Dass solche Fälle offensichtlich werden, dass Eltern über den Zustand der Zähne ihrer Kinder informiert werden, – dafür sind der zahnärztliche Dienst und die Jugendzahnpflege der Region Hannover da. Für rund 100 000 Kinder in 21 Kommunen der Region in Krippen, Kitas, Behinderteneinrichtungen, Grund- und Förderschulen sowie weiterführenden Schulen ist er zuständig. Da es aufgrund des Personalschlüssels von 30 Mitarbeitern nicht möglich sei, sie alle alljährlich zu betreuen, würden Schwerpunkte gesetzt, sagt Leiterin Eva Richter-Niebuhr. Einrichtungen, in denen Kinder ein höheres Kariesrisiko hätten, besuche das Team häufiger.

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Je niedriger das Einkommen der Eltern, desto höher ist das Kariesrisiko

Aber wann sind Kinder einem höheren Kariesrisiko ausgesetzt? Es ist eine der traurigen Erkenntnisse des Berichts, dass der durchschnittliche Kariesbefall der Kinder steigt, je niedriger das Einkommen ihrer Eltern ist. Das ist umso bedenkenswerter, weil Kinder heute viel bessere Zähne haben als früher. Wie wichtig Mundhygiene, gutes Putzen ist, hat sich in vielen Familien durchgesetzt. Aber: Einer Vielzahl von Kindern mit gesunden Zähnen oder geringen Zahnschäden steht laut Richter-Niebuhr eine kleine Gruppe von Kindern mit sehr hohem Kariesbefall gegenüber.

Dass ein Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Lage und Zahngesundheit besteht, machen auch Unterschiede in den Regionskommunen deutlich. Die Kinder mit den gesündesten Zähnen kommen aus Gehrden, einer Kommune mit wenigen Familien im Sozialhilfebezug. Hier haben 84,2 Prozent der Kinder ein makelloses Gebiss. Am drastischsten ist die Lage in Garbsen, einer Kommune mit vielen Menschen, die Hilfen vom Staat bekommen. Bei nur 60,9 Prozent der untersuchten Kinder hatten die Zahnärzte hier nichts zu beanstanden. Aber wie erreicht der Dienst bildungsferne Eltern? Die Information über die Diagnose dürfe aus Datenschutzgründen nur schriftlich an die Eltern weitergeleitet werden, sagt Chakar. Eine Hürde ist: Verfasst sind sie auf Deutsch. Aus Gründen ärztlicher Schweigepflicht werden überdies nicht einmal die Erzieherinnen über den Zustand der Zähne der Kinder informiert, es sei denn, eine Schweigepflichtsentbindung der Eltern liegt vor.

Zahnärztliche Untersuchungen sind in Niedersachsen freiwillig

„Es wäre natürlich wünschenswert, wenn wir direkteren Kontakt zu den Eltern hätten, einen persönlichen Austausch statt eines Briefes“, sagt Chakar. Künftig wird stattdessen aber sogar der Kontakt zu den Kindern erschwert. Denn die zahnärztlichen Untersuchungen sind in Niedersachsen freiwillig. Bis zum Schuljahr 2017/18 mussten Eltern aber schriftlich widersprechen, wenn sie nicht wollten, dass ihre Kinder teilnehmen. Jetzt muss aus Datenschutzgründen eine Einwilligung vorliegen. Erfahrungen aus anderen niedersächsischen Regionen hätten gezeigt, dass seit der Einführung dieses Verfahrens deutlich weniger Kinder teilnähmen: ausgerechnet vor allem solche aus bildungsfernen Familien oder mit eingeschränkten Deutschkenntnissen tun dies nicht mehr.

Häufig komme die Einwilligungserklärung einfach nicht zurück, dabei sei dies so wichtig, sagt Richter-Niebuhr. Zahnärztin Nada Chakar stellt den Kontakt zu Eltern vor Ort auf andere Weise her. Manchmal kommt sie während der Bring- oder Abholphase der Kinder in einer Kita vorbei und versucht, mit Eltern ins Gespräch zu kommen. Wie oft (zweimal täglich) und wie man Zähne putzen soll, sei meist das bestimmende Gesprächsthema, sagt Chakar. Viele Eltern wüssten zum Beispiel nicht, dass man bei den Kindern Zähne nachputzen solle, bis in der Grundschule die Schreibschrift drankomme, sagt die Zahnärztin. Sie glaubten, die Kinder schafften das alleine, aber deren Motorik sei nicht ausgereift genug.

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Fruchtpüree aus Quetschbeuteln kann für ähnliche Effekte wie beim Nuckelflaschenkaries sorgen

Bei Infoveranstaltungen baut sie im Kindergarten überdies einen Stand mit Material auf. Wissenswertes zur Nuckelflaschenkaries findet man hier, Modelle, die zeigen, wie so etwas aussieht. Besonders zuckerhaltige Lebensmittel werden präsentiert, die sogenannten Quetschies beispielsweise. Sie enthalten nicht nur viel Zucker. Die Tatsache, dass die Kinder Fruchtpüree aus Quetschbeuteln heraussaugen, kann für ähnliche Effekte wie beim Nuckelflaschenkaries sorgen.

Viele Eltern seien überrascht, wie viel Zucker auch Ketchup enthält, sagt Chakar. Besonders in Brennpunktkitas wünsche man sich Kontakt zu Eltern, sagt Chakar. Im Fall des kleinen Vierjährigen mit der Nuckelflaschenkaries hat es zumindest indirekt geklappt. Die Mutter ließ Chakar bei der Untersuchung mitteilen, dass ein Zahnarztbesuch des Sohnes bereits vereinbart sei.

Von Jutta Rinas

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