Brief-Diplomatie: „Stille Post“ zwischen Kiew, Moskau und Washington
Der Brief ist zurück - nachdem ihm doch eigentlich die SMS (Short Message Service), dann Sprachnachrichten und andere kommunikative Spielereien den Nahtod prophezeit hatten.
Vor allem die politischen Gipfel des US-Präsidenten Donald Trump, auf denen es zumeist sehr dynamisch zugeht und auf denen das gesprochene Wort (Trump: „Habe sechs Kriege in sechs Monaten beendet“) nicht immer dem Faktencheck standhält, werden plötzlich von einem Austausch von Briefen begleitet. So sorgte in Anchorage in Alaska am vergangenen Freitag ein Brief von Melania Trump adressiert an den russischen Präsidenten Wladimir Putin für Aufsehen.
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Zur vollständigen AnsichtIm Brief, dessen Inhalt der Trump-nahe US-Sender Fox News zuerst veröffentlichte, appelliert die First Lady an den russischen Präsidenten, sich seiner Verantwortung für das Schicksal der Kinder in den kriegführenden Staaten bewusst zu sein. Auszug: „Jedes Kind träumt in seinem Herzen die gleichen Träume, ob es nun zufällig im rauen Hinterland oder in einer schönen Stadt geboren wurde. Sie träumen von Liebe, Chancen und Geborgenheit vor Gefahr ...“ Einhergehend mit der Aufforderung, „Herr Putin, Sie können im Alleingang den Kindern zauberhafte Lachen zurückgeben ...“
Es wird ja gemutmaßt, dass Melania Trump in vielerlei Hinsicht politisch eine etwas andere Position als ihr Mann vertritt.
Thomas Jäger,
Politikwissenschaftler, Uni Köln
„Es wird ja gemutmaßt, dass Melania Trump in vielerlei Hinsicht politisch eine etwas andere Position als ihr Mann vertritt“, ordnet der Politikwissenschaftler Thomas Jäger im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) ein. „Und mit diesem Schreiben meldete das Trump-Lager sozusagen über den Umweg der First Lady den Anspruch an, neben den rein strategischen Fragen des Gebietsaustauschs humanitäre Aspekte nicht zu vergessen“, erklärt der Wissenschaftler von der Universität Köln. Zudem hätten Briefe, in feiner Unterscheidung zum oft unüberlegten gesprochenen Wort, „etwas Zeitloses, nicht korrigierbares, Bleibendes“.
Wieso sieht Melania Trumps Unterschrift auf dem Brief ähnlich aus wie die ihres Mannes?
Thomas Jäger,
Politikwissenschaftler, Uni Köln
In der Berichterstattung über den amerikanisch-russischen Gipfel spielte der Brief in der Nachbetrachtung auch eine überraschend große Rolle. Was den Politologen nur wundert: „Wieso sieht Melania Trumps Unterschrift auf dem Brief ähnlich aus wie die ihres Mannes?“ Dass Donald Trump selbst Initator oder gar Autor des Schreibens ist, hält der Politikwissenschaftler zwar für ausgeschlossen, „gegen seinen Willen wird der Brief aber kaum aufgetaucht sein – das war eine geplante Inszenierung“.
Denn ein Effekt bleibt: Russische Bomben, die nach dem Alaska-Gipfel ukrainische Zivilisten töten, werden in der amerikanischen Öffentlichkeit fortan mit einem russischen Präsidenten in Verbindung gebracht, den offensichtlich nicht einmal der persönliche, an sein Gewissen gerichtete Appell einer First Lady und Mutter erweichen ließ.
Die Reaktion auf Melanias Brief war nach dem Gipfel in Alaska entsprechend groß. „Und ganz sicher auch Grund dafür, dass die ukrainische Seite die Idee aufgriff und sich zu eigen machte“, sagt Jäger.
Am Montag überreichte dann auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beim Washingtoner Gipfel dem US-Präsidenten einen Brief seiner Frau Olena Selenska. „Es ist nicht an Sie, es ist für Ihre Frau“, bedeutete der ukrainische Präsident dem Amerikaner, bei dem die Geste gut ankam.
Olena Selenska, die sehr viel engagierter als Melania Trump die Rolle der First Lady ihres Landes wahrnimmt und sich seit Jahren vor allem dem Schicksal der nachweislich 19.000 seit Februar 2022 von Russland verschleppten ukrainischen Kindern widmet, griff Melanias Thema auf: „Für alle Ukrainer ist dies eines der schmerzhaftesten Ergebnisse dieses Krieges. Wir konnten ihre Rechte (der ukrainischen Kinder - Anm.) nicht schützen, als die Russen sie ohne Zustimmung, ohne Dokumente, ohne jegliche Transparenz entführten.“
Für Thomas Jäger ist der Brief vor allem dazu gedacht, „Trump einzufangen, falls es im Oval Office erneut zum offenen Streit zwischen den Beteiligten wie beim ersten Zusammentreffen Anfang März kommen sollte“, sagt der Politikwissenschaftler. Der Brief sei prophylaktisch als Instrument der „Entschleunigung“ und „Deeskalation“ ins Spiel gebracht worden. Auch er verfehlte seine Wirkung nicht, auch der Washingtoner Gipfel bekam seinen mysteriösen „Brief-Moment“.
Olena Selenskas Coup
Was Olena Selenska damit auch noch erreichte: Vor allem in rechtsgerichteten US-Sendern, deren Berichterstattung über den russischen Angriffskrieg sich bislang vor allem im Hinterfragen der angeblichen Verschwendung amerikanischer Steuergelder erschöpfte, widmeten sich vielleicht erstmals den grausamen Realitäten dieses von Putin begonnen Krieges.
Thomas Jäger erinnert an die Faszination, welche Briefe offensichtlich auf den derzeitigen US-Präsidenten ausüben, „vor allem wenn sie voller Schmeicheleien sind“. So schrieb der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un dem US-Präsidenten nach einem ersten Treffen in Singapur einen Brief, aus dem CNN damals zitierte. Der Diktator hätte den „historischen Moment“ nicht vergessen, als er „die Hand Ihrer Exzellenz gehalten habe“. Kim beschrieb das Verhältnis zwischen den beiden als „tiefe und besondere Freundschaft“.
Kims „wunderschöne Briefe“ an Donald
Der US-Journalist Bob Woodward schrieb in seinem Enthüllungsbuch „Rage“, wie Trump vor Anhängern und Anhängerinnen von den „wunderschönen Briefen“ schwärmte, und dass man sich gegenseitig liebgewonnen hätte. Woodward schrieb aber auch, dass es beim US-Geheimdienst CIA damals große Zweifel gegeben hätte, ob Kim die Briefe tatsächlich selbst verfasst hätte: Die Mischung an Komplimenten und Schmeicheleien sei zu exakt auf Trumps Geschmack abgestimmt gewesen.
Doch auch die in einem liebenswürdigen Briefaustausch so hoffnungsvoll begonnene Freundschaft der beiden Alpha-Tiere scheitere letztendlich: Nach drei weiteren Zusammenkünften und einem gescheiterten letzten Gipfeltreffen im Februar 2019 in Hanoi verlor Trump das Interesse. Kim sieht sein politisches Schicksal unauflösbar an Russlands Seite, Putins Eroberungskrieg unterstützt er mit Munitionslieferungen und der Bereitstellung von tausenden Soldaten.